Blick zurück
Am 19. August 1956 wurde die «Heimstätte auf dem Rügel» als «Haus der Stille, der Begegnung und der Gemeinschaft» an schönster Lage im Seetal eröffnet. Der «Rügel», wie die Heimstätte in der Umgangssprache bald hiess, erfreute sich einer enormen Nachfrage und wurde bald zum Synonym für Bildung, Einkehr und Gemeinschaft und damit zu einem Ort mit klarer christlicher und kirchlicher Position. Zusammen mit dem Jugendhaus erlebte er viele erfolgreiche Jahre und gab so den mutigen und tatkräftigen Leuten von damals Recht.
Die Gründung des Rügels fiel in eine Zeit in der Ferien oder Ferientage für alle noch unbekannt waren. Volksbildung wurde durch die vorhandenen Medien längst nicht so umfassend betrieben wie heute. Den meisten Menschen fehlten Zeit und Zugang zur allgemeinen Weiterbildung. Dies nutzten die damals entstandenen Bildungshäuser in dem sie in ihrem Angebot Ferientage mit Wissensvermittlung oder Erbauung kombinierten. Viele Menschen fanden so auf dem Rügel Erholung und neues Wissen. Ferien in dieser Form galten damals als vertretbar.
Der gebotene Komfort des Hauses erfüllte die Ansprüche und die Destination Rügel konnte mit den übrigen Angeboten mithalten. Zeitgleich mit dem Rügel entstanden in vielen kantonalen Landeskirchen Häuser mit ähnlichem Angebot. Durch die steigende Nachfrage war deren Existenz lange Zeit gesichert.
Die veränderte Situation heute in Gastronomie, Hotellerie und Infrastruktur
Der Vertragspartner SV Schweiz, der bis Ende 2008 den Gastronomie- und Hotelbereich führt, erbringt ein sehr gutes, preisgünstiges Angebot mit hoher Flexibilität. Die Angebotsvielfalt ist gross und die Servicequalität hoch.
1998 fielen 9,8% aller Übernachtungen im Haupthaus auf Menschen mit nachweislich kirchlichem Bezug; 2006 waren es noch 5,4%. Demgegenüber sind die Zahlen des Jugendhauses etwas besser, die Gesamtbelegung aber moderater: 1998 fielen 22% aller Übernachtungen im Jugendhaus auf Menschen mit nachweislich kirchlichem Bezug; 2006 waren es noch 18%. Beide Kurven zeigen einen deutlichen Verlauf. Die Nachfrage des Marktes über Jahre zeigt ein eindeutiges Bild mit negativem Trend.
85% der Belegung erfolgt heute durch Gruppen und Kunden die keinen ausgewiesenen Bezug zur Landeskirche haben. Die Landeskirche finanziert somit 85 % der Gäste ohne ausgewiesenen Bezug zu unserer Landeskirche. Die Grösse der Gruppen variiert stark. Der Anteil der Anbieter im Markt der Seminarhäuser im kirchlichen und privaten Bereich ist gross. Oft verfügen diese Häuser (Hotels) über überdimensionierte Infrastrukturen. Mangels genügenden und genügend variablen Räumen stösst der Rügel beim Eingehen auf Gastgruppen rasch an seine Grenzen. Bei einer Belegung des Hauses mit zwei und mehreren kleineren Gruppen sind der Erfüllung der verschiedensten Anliegen (Räume, Programmabläufe, Zeiten) sehr enge Grenzen gesetzt.
Die Sorge um die Auslastung des Hauses hat eine lange Geschichte. Seit 1990 setzten sich die Betriebskommission, spezifische Denkgruppen, Fachleute und Diplomklassen von Hotelfachschulen in immer kürzeren Intervallen mit der Frage einer vertretbaren und zukunftsgerichteten Weiterführung auseinander. Einzelne Gruppen entwarfen ganze Konzepte die die Steigerung der Auslastung und der Eigenfinanzierung zum Ziel hatten. Die Palette der Ideen reicht von der Fahrradkarte der Region mit Abgabe von Picknickkörben bis zum Sessellift zum See. Wirklich zündende Ideen gab es nicht.
Zimmerangebot, Infrastruktur
Mit sehr kleinen und spartanisch eingerichteten Zimmer, Etagenduschen und Etagen-WC ist heute kaum mehr eine Gastgruppe - auch keine kirchlichen - zufrieden zu stellen. Die Nachfrage auf diesem niedrigen Niveau sinkt ständig. Die Hotellerie verdient kaum mehr einen Stern.
Ausserdem ist das Haus absolut nicht behindertengerecht. Unzählige Hindernisse wie Stufen, Treppen, Halbgeschosse und anderes stehen im Weg. Ein IV-WC fehlt.
Die Parkplatzsituation ist desolat. Zwar gibt es für eine durchschnittliche Belegung genügend Plätze. Diese sind aber zonenfremd an exponierter Lage durch Gewohnheitsrecht entstanden und lediglich geduldet.
Hoher Investitionsbedarf und langfristige Perspektiven
Der Investitionsbedarf für die Hotellerie und in geringerem Masse für die Seminarräume ist enorm und wird auf ca. sechs Millionen Franken geschätzt. Um diese Investition zu rechtfertigen und wenigstens teilweise amortisieren zu können, müsste einerseits die Langzeitperspektive für den Rügel als Tagungsstätte intakt sein. Andererseits müssten die Restriktionen der Bauzonung gelockert werden, was unwahrscheinlich erscheint.
Die entsprechenden Abklärungen erfolgten 2005. Demnach ist eine Erweiterung der Gebäude nicht möglich. Mit einer Reduktion der Betten – wenn man zwei Zimmer zu einem komfortableren Zimmer zusammenlegen würde – wäre der Rügel aber noch schwieriger am Markt zu halten, da das Bettenangebot zu klein wäre.
Finanzielle Aspekte und Fragen
Das Haupthaus, das Jugendhaus und die Umgebung sind auf Fr. 1.-- abgeschrieben. Es bestehen Rückstellungen in der Höhe von Fr. 1'100'000 Franken. Das Haus am Rebenweg, mit genügend Umschwung abparzelliert kann zum Marktpreis verkauft oder als Kapitalanlage eingesetzt werden.
Die Zentralkasse leistet jährlich ca. 200'000 Franken Betriebsbeitrag an den Gesamthaushalt des Rügels. Darin inbegriffen sind die Defizitbeiträge an SV Schweiz. Im Jahre 2006 betrug dieser Beitrag Fr. 75'600 Franken. Tendenz steigend.
Immer wieder wird die Meinung vertreten eine marktgerechte Infrastruktur würde die sinkende Belegung stoppen. Eine marktgerechte Infrastruktur allein ist aber noch nicht die Lösung. Ganz abgesehen von der Notwendigkeit einer äusserst überzeugenden Strategie der kirchlichen Erwachsenenbildung für die nächsten 15 bis 25 Jahre (siehe nächster Beitrag), um das geschätzte Investitionsvolumen von sechs Millionen Franken zu rechtfertigen, stellen sich langfristig folgende Fragen:
- Wie wirkt sich das veränderte Kundenverhalten aus und wie wird es sich weiterentwickeln?
- Welche Bedeutung hat die Hotellerie für die Auslastung des Rügels?
- Soll die Landeskirche als Betreiberin eines allgemeinen Seminarhotels auftreten und sollen dafür Steuergelder eingesetzt werden?
- Kann in der bestehenden Zonung die Hotellerie marktkompatibel etabliert werden?
Die Landeskirche finanziert eine immer teurer werdende Infrastruktur für eine sinkende Anzahl Menschen mit geringem kirchlichem Bezug. Dieser Zustand ist nach Auffassung des Kirchenrates aus finanzieller Sicht nicht mehr verantwortbar.
Konrad Naegeli / Frank Worbs
Eckdaten zum Rügel
Juni 2007: Der Kirchenrat kündigt an, dass das jahrelange und wachsende Defizit des Rügels dessen Weiterführung auf der Basis kirchlicher Erwachsenenbildung verunmögliche. Es brauche neue Perspektiven für die Heimstätte.
November 2007: Der Kirchenrat beantragt der Synode, die Nutzung des Rügels neu zu bestimmen. Die Synode bewilligt einen anderen Umgang mit der kirchlichen Erwachsenenbildung und entscheidet, dass der Rügel ohne ausdrückliche Zustimmung der Synode weder einer anderen Nutzung zugeführt noch verkauft werden dürfe. Es solle noch einmal eingehend geprüft werden, welche finanzierbaren Lösungen möglich sind.
Dezember 2007: Der Kirchenrat setzt die Arbeitsgruppe Rügel ein, die an der Zukunftsgestaltung des Rügels arbeitet. Diese nimmt 2008 ihre Arbeit auf. Die Arbeitsgruppe hat bis heute verschiedene Projekte formuliert.
August 2008: Als Experte für die Arbeitsgruppe Rügel wird Dr. Jack Iseli berufen.
September 2008: Das Präsidium der Betriebskommission Rügel geht nach dem Rücktritt von Konrad Naegeli an Karin Büchli über. Vom Kirchenrat her nimmt Pfr. Dr. Martin Keller neu Einsitz in die Betriebskommission.
Januar 2009: Der SV Schweiz beendet seinen Gastronomievertrag mit dem Rügel. Der Aargauer Hotelier Rolf Kasper übernimmt als Pächter die Gastronomie des Tagungshauses Rügel.
Zeitrahmen: Spätestens 2010 soll der Synode ein Antrag mit anschliessendem Umsetzungsplan zum Beschluss vorliegen.