Da dieser Austausch bisher aber völlig einseitig sei, wie Bandixen erklärte, hat die Aargauer Landeskirche zu diesem Gespräch eingeladen. Thomas Gottschall, Kirchenrat und Dekan der Evangelisch-reformierten Kirche Graubünden, erläuterte die Entwicklung, die in den letzten Jahren zu einem Anteil von 36% Deutschen in den Bündner Pfarrämtern geführt habe. In den deutschschweizer Kirchen liegt der Anteil zwischen 15 und 20 Prozent.
Die rheinische Kirche sieht die Problematik auch und ist deshalb gerne zu Gesprächen bereit, wie Schneider betonte. Sie sehe mit Sorge, wie vor allem junge Pfarrerinnen und Pfarrer abwandern, weil sie ihnen nicht genügend Pfarrstellen anbieten können. Die rheinische Kirche anerkenne ausdrücklich die Vorleistungen und die Offenheit der Schweizer Kirchen, die schon seit Jahren deutsche Theologinnen und Theologen im Studium, in der praktischen Ausbildung und im Pfarramt mit sorgfältiger Begleitung aber ohne diskriminierende Vorbehalte aufnehme.
Die rheinische Kirche würde gerne mehr Pfarrerinnen und Pfarrer anstellen – auch reformierte aus der Schweiz – wenn die Stellensituation das zulasse. Sie habe aber mit dem Beamtenverhältnis in ihrer Kirche eine problematische Voraussetzung. So werde jeder Pfarrer und jede Pfarrerin, die in einer Kirchgemeinde gewählt werden, in ein Beamtenverhältnis aufgenommen. Das heisst, die rheinische Kirche garantiere ihnen eine Anstellung auf Lebenszeit und müsse ihr Gehalt bis zur Pensionierung zahlen, egal wie sich das Arbeitsverhältnis entwickle – auch dann wenn ein Pfarrer seine Pfarrstelle verliert. Angesichts der soziodemografischen und finanziellen Entwicklung der nächsten 20 Jahre müsse man deshalb die Personalentwicklung sehr vorsichtig planen. Die bestehende Einseitigkeit sieht aber auch die rheinische Kirche als problematisch und verbesserungsbedürftig an.
Die Delegationen vereinbarten deshalb, dass der gegenseitige Austausch von Theologinnen und Theologen verbessert und in drei Bereichen bewusst gestaltet werden solle. Im Anstellungsbereich wird in der Kirche im Rheinland geprüft, im Rahmen eines Pilotprojektes die Möglichkeit von zeitlich befristeten Pfarrstellen für Schweizer Pfarrerinnen und Pfarrer zu eröffnen. Grundsätzlich sollen sie Zugang zu rheinischen Kirchgemeinden bekommen, was rechtlich in einem befristeten Anstellungsverhältnis sehr viel einfacher einzurichten wäre als in einem Beamtenverhältnis. Die rheinische Kirchenleitung sehe das als Bereicherung ihrer kirchlichen Kultur an, betonte Präses Schneider.
Problemlos möglich ist ein Austausch im Weiterbildungsprogramm für Pfarrerinnen und Pfarrer. Die rheinische Kirche habe ein sehr umfangreiches und differenziertes
Weiterbildungsprogramm, erklärte Oberkirchenrat Jürgen Dembek, Personaldezernent der rheinischen Kirche. Er stellt in Aussicht, das man Kurse für die beteiligten Schweizer Kirchen gerne zu den gleichen, äusserst günstigen Bedingungen wie für die eigenen Mitarbeitenden öffnen könne.
Im Ausbildungsbereich soll der Austausch von Vikarinnen und Vikaren während der in der Schweiz ein-und in Deutschland zweijährigen praktischen Ausbildung nach dem Studium geprüft werden. Die Vikarinnen und Vikare blieben in ihrer eigenen Kirche, könnten aber ein Jahr ihrer praktischen Ausbildung in der anderen Kirche absolvieren. Diese Vorschläge, die noch konkret ausgearbeitet werden müssen, können vorläufig nur für die drei beteiligten Kirchen gelten. Zuerst müssen sie nun den Kirchenleitungen in den Kantonen Aargau und Graubünden und der Kirche im Rheinland sowie den Verantwortlichen für die Aus-und Weiterbildung zur Beratung vorgelegt werden.
Die Begegung in Aarau stellt aber auf jeden Fall – da waren sich alle Beteiligten einig – den Beginn eines intensiven Dialogs der drei Kirchen dar. Noch in diesem Jahr will man sich in Düsseldorf zum nächsten Gespräch treffen.