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Arbeitsgruppe - Wertesynode 2006 der Reformierten Landeskirche Aargau


Werte-Synode
Werte-Synode vom 18. Januar 2006 in Lenzburg

Ergebnisse und Dokumentation
Sie können die Dokumentation bzw. einzelne Texte und Präsentationen mit einem Klick auf den link herunterladen:
  • Gesamtdokumentation der Gesprächssynode «Werte» in Lenzburg mit allen Referaten und den Ergebnissen aller 14 Gruppen als PDF (643 KB)
  • Powerpoint-Zusammenfassung (133 KB) des Referats von Dr. Cla Reto Famos, Rechtswissenschafter, Theologe, Dozent an der Theologischen Fakultät Zürich,: «Entwicklung der gesellschaftlichen Grundwerte in der neueren Geschichte»
  • Einführendes Votum (PDF 14 KB) von Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau

Die Texte kann man auch per E-Mail beim Sekretariat der Landeskirche bestellen: ag@ref.ch. Für weitere Anfragen: Reformierte Landeskirche Aargau, Sekretariat, Postfach, 5001 Aarau, Telefon 062 838 00 10 oder Fax 062 838 00 29.

Bericht von der Gesprächssynode
In der Regel ein Mal pro Amtsperiode lädt das Synodebüro die Synodalen der Aargauer Landeskirche und engagierte Mitarbeitende und Mitglieder der Kirchgemeinden zu einer Aussprache zu einem zentralen Thema der Kirche, der «Gesprächssynode» ein. Am 18. Januar 2006 ging es im Kirchgemeindehaus Lenzburg um die Frage «Was sind uns Werte wert?». Ca. 140 Synodale und Interessierte setzten sich anhand von drei Referaten in mehreren Gruppenarbeiten mit der aktuellen Wertediskussion und der Frage nach Werten in der reformierten Kirche auseinander.

Kleingruppe - Wertesynode 2006 der Reformierten Landeskirche Aargau

Die letzten Gesprächssynoden fanden ebenfalls in Lenzburg im Januar 1999 und im September 2002 statt. 1999 ging es um die «Ökumenische Konsultation zur wirtschaftlichen und sozialen Zukunft der Schweiz» unter dem Titel «Welche Zukunft wollen wir?». Und 2002 organisierte die Kommission Projekt Kirche 2002 eine Tagung zum ersten kantonalen Leitbild der Reformierten Landeskirchen Aargau.
Da nur alle drei bis vier Jahre ein Anlass dieser Art stattfindet, kommt der Wahl des Themas eine besondere Bedeutung zu. Der Kirchenrat hat sich nach langer Diskussion für das Thema «Werte in der modernen Gesellschaft» entschieden. Die vom Kirchenrat und dem Synodebüro zusammengestellte Vorbereitungsgruppe setzte die Frage «Was sind uns Werte wert?» als Titel über die Synode. Synodepräsident Urs Zimmermann, die Kirchenratsmitglieder Claudia Bandixen, Urs Karlen und Konrad Naegeli sowie Vreni Gut (Erwachsenenbildung) und Martin Schaufelberger (Spitalseelsorge) von den Landeskirchlichen Diensten bereiteten das Programm und die Ausschreibung vor.

Warum Werte
Synodepräsident Urs Zimmermann erklärte in seiner Einleitung: «Jede und jeder Einzelne hat seine eigenen Werte auf einer Prioritätenliste, was ihm mehr oder weniger wichtig ist.» Zwischen den Menschen seien diese Werte und ihre Gewichtung aber sehr verschieden, sodass - auch in der Kirche selbst - kein gemeinsamer Konsens mehr vorhanden sei.
Eine Gesellschaft brauche aber Grundwerte, die für alle gelten. Für die Kirche gehörten diese gemeinsamen «Kernwerte» wesentlich zu ihrer Identität. Die Tagung habe deshalb zum Ziel, Werte herauszuarbeiten und in einer Hierarchie zu ordnen, die für die reformierte Kirche konstitutiv sein könnten.

Ständerat Thomas Pfisterer zu Gast
Zum ersten Mal seit vielen Jahren wurden auch wieder die eidgenössischen Parlamentarier aus dem Aargau eingeladen. Ständerat Thomas Pfisterer nahm an der Aussprache teil - «mit grossem Interesse», wie er sagte. Er schätze die «Gesprächssynode» als eine für eine demokratisch verfasste Kirche mustergültige Institution hoch ein, die man durchaus öfter als alle vier Jahre durchführen sollte.
Er fühle sich mit den Wertvorstellungen, die ihn als Politiker prägen, in der reformierten Kirche daheim und benannte auf Nachfrage seine wichtigsten Grundwerte: Freiheit und Verantwortung sowie der Auftrag zu Reformen und Entwicklung. Die Offenheit als politischer Stil erinnerte ihn im besten Sinne an die Arbeit des Aargauer Verfassungsrates von 1973 bis 1980, in welchem auch die Reformierte Landeskirche sehr gut vertreten war.

Jugendtheater macht Werte lebendig
Unter der Leitung von Pfarrerin Akke Goudsmit nahmen vier Jugendliche der Theatergruppe «Spettacolo» der reformierten Kirchgemeinde Windisch die Würde des Menschen als Grundwert in vier verschiedenen Szenen auf. In den hinreissend gespielten Stücken ging es um Mobbing unter Jugendlichen und Intrigen am Arbeitsplatz sowie um die gegensätzlichen Zukunftsperspektiven von Bezirks- und Real- oder Sekundarschulabgängern. Vor allem die eindrücklich dargestellte Aussichtslosigkeit eines Realschülers mit schlechten Noten kam spürbar im Publikum an.

Jugendtheater - Wertesynode 2006 der Reformierten Landeskirche Aargau

Referate zu gesellschaftlichen und reformierten Werten
Zu Beginn der Tagung führten zwei Referenten mit grundlegenden Beiträgen und unterschiedlichen Schwerpunkten in das weite Themenfeld «Werte» ein. Der Theologe und Rechtswissenschafter Dr. Cla Reto Famos, Dozent an der Theologischen Fakultät Zürich, gab einen Überblick über die «Entwicklung der gesellschaftlichen Grundwerte in der neueren Geschichte», die mit Tendenzen und Entwicklungen in der postmodernen Gesellschaft und fünf Thesen zur Stellung der Kirchen in der aktuellen Wertediskussion abschloss.
Pfarrer Samuel Lutz, Präsident des Synodalrates der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, konzentrierte sich dagegen mehr auf die spezifischen Werte der reformierten Kirche oder «Reformiert-Sein als Haltung» mit einem flammenden Plädoyer zu seiner These «Wir können als Reformierte nicht offen genug sein».

Werte im Wandel

Cla Reto Famos begann seinen Überblick über die Wertevorstellungen und ihren Wandel im Laufe der Geschichte im klassischen Altertum, wo das Gute und Schöne als Richtschnur galt. Das frühe Christentum betonte die Erlösung und den Wert des menschlichen Lebens unabhängig von der sozialen Stellung des Einzelnen. Während das Christentum dann im Mittelalter die Einheit der Welt, die Vorrangstellung des Ganzen im unumstösslichen Gefüge von Recht und Schöpfungsordnung verfolgte, erhoben der Humanismus und in seiner Folge die Reformation das Individuum ins Zentrum. Nach der Aufklärung, die das Wissen und die Mündigkeit des Menschen propagierte, baute das 19. Jahrhundert mit Industrialisierung und Technik ganz auf den Fortschritt. Im 20. Jahrhundert brach der Fortschrittsglaube angesichts der beiden Weltkriege zusammen und die zunehmend im Völkerbund und UNO vereinte westliche Welt setzte auf Frieden und Menschenwürde. In der Postmoderne stiessen die nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Menschenrechte - wie sie v.a. in der westlichen Welt verstanden wurden - an die Spitze der Werteskala.
C. R. Famos kam zum Schluss, die Religion sei durchaus nicht am Aussterben, wie noch vor zwanzig Jahren prophezeit, wenn sie heute auch in anderen Formen gelebt und gesucht werde. Religionsgemeinschaften würden heute wieder stärker als echte Partner in der gesellschaftlichen Wertediskussion wahrgenommen. (Zu den weiteren Ergebnissen und Thesen siehe Kasten)

«Wir können nicht offen genug sein»
Wie eine magische Formel wiederholte der Präsident der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Samuel Lutz, den Satz «Wir können nicht offen genug sein» als Kernsatz der reformierten Haltung und Identität. Offenheit sei das Zentrum der spezifisch reformierten Werte. Offenheit sei die Voraussetzung, die Vielfalt der reformierten Kirche nicht als bedrückend, sondern als beglückend zu erfahren. Die Offenheit sei in der Ökumene aus weltpolitischen Gründen notwendig. Ökumene habe schliesslich immer mit reformierter Offenheit begonnen. In Bezug auf die neue Religiosität sei sie aus seelsorgerlichen und im Blick auf die Bevölkerung aus sozialen Gründen das Gebot der Zeit.
Reformierte Offenheit bedeute, die Menschen nicht in kirchennah und kirchenfern einzuteilen, und allem, was autoritär und ausschliesslich daherkomme, abzusagen. Die grosse Herausforderung für die reformierte Kirche bestehe darin, das Evangelium als Lebensmöglichkeit so anzubieten, dass es für solche, die mit ihrer religiösen Herkunft Mühe haben, nicht als überholte Wahrheit erscheine, «sondern als Wahrheit, mit der auseinander zu setzen es sich lohnt». Die reformierte Kirche biete offene aber wichtige Antworten auf die drei existenziellen Fragen des Menschen an: nach Gott, der Not und dem Tod. Der Berner Synodalrat habe in diesem Sinne die Kirche mit einem dreifachen Auftrag beschrieben: sie sei eine Kirche des Friedens, der Freiheit und der Hoffnung.

«Verbindlichkeit und Umsetzbarkeit von Werten»
Claudia Bandixen, Präsidentin des Aargauer Kirchenrates, leitete die Gruppenarbeiten am Nachmittag mit einem Input zu «Verbindlichkeit und Umsetzbarkeit von Werten» ein. Sie illustrierte wichtige Werte der Kirche mit konkreten Aktivitäten des Kirchenrates und der Landeskirche: Mitmenschlichkeit und Solidarität z.B. mit finanziellen Beiträgen aus dem Nothilfefonds, Frieden und Gewaltlosigkeit mit dem Projekt Peacecamp.
Bei der Diskussion um Offenheit und Vielfalt, gehe es um mehr als um die Technik eines gelungenen Dialogs, nämlich um den Willen, diesen auch durchaus emotional führen zu wollen. Mit Sorge beobachte der Kirchenrat, dass die Dialogfähigkeit zwar gelobt werde, aber ständig abnehme. Dialog meine nicht Einstimmigkeit, sondern die Freude an der Vielfalt, betonte Bandixen und charakterisierte den gesellschaftlichen Auftrag mit den Worten «Kirche soll Position beziehen aber auch Positionen in Beziehung bringen».

Ergebnisse der Gruppen
Die anschliessenden Gruppenarbeiten sollten zu einer Liste der für die reformierte Kirche wichtigsten Werte kommen und Aussagen über «Verbindlichkeit und Umsetzbarkeit von Werten» machen. Die Zusammenfassungen von vier der insgesamt 14 Gruppenarbeiten machten aber deutlich, wie schwierig sich bereits die Festlegung der wichtigsten Werte in einer qualifizierten Rangliste darstellt.
Die Präsidentinnen und Präsidenten der vier Fraktionen in der Aargauer Synode, die sich für eine Gruppenleitung zur Verfügung gestellt hatten, listeten als Synodale, nicht im Auftrag ihrer Fraktion, auftragsgemäss drei durchwegs völlig unterschiedliche Werte auf. Die Gruppen wurden nach dem Zufallsprinzip ohne Berücksichtigung von Fraktionszugehörigkeiten zusammen gestellt. Michael Rahn, Fraktion Lebendige Kirche, erläuterte als die wichtigsten drei Werte Freiheit, Offenheit und Gesundheit. Doris Fritschi, Fraktion Freies Christentum, stellte die Doppelbegriffe in ihrer Wertehierarchie vor: Hoffnung und Fantasie, Menschenwürde und Achtung sowie Nächstenliebe. Verena Lüscher, Fraktion Kirche und Welt, präsentierte die Werte Gerechtigkeit, Solidarität sowie Respekt und Achtung. Max Hartmann, Reformatorisch-evangelische Fraktion, verwies auf die Grundaussagen der Botschaft Jesu und leitete daraus die Werte Dienen, Gemeinschaft («koinonia» in der Kirche) und Gnade (statt der heute geforderten Leistung) ab.
Die vollständigen Ergebnisse aller 14 Gruppen werden in den nächsten Monaten von den Landeskirchlichen Diensten und dem Kirchenrat in einem übersichtlichen Papier zusammengestellt und ausgewertet (siehe Kasten unten).

Thomas Pfisterer - Wertesynode 2006 der Reformierten Landeskirche Aargau 
Urs Zimmermann, Samuel Lutz, Thomas Pfisterer im Gespräch

Ergebnisse und Dokumentation
Die Ergebnisse und Texte der Gesprächssynode werden in zwei Schritten öffentlich zugänglich gemacht. Die Texte beziehungsweise Zusammenfassungen der beiden Referate von Dr. Cla Reto Famos und Pfarrer Samuel Lutz und des Beitrags von Pfarrerin Claudia Bandixen liegen bereits vor (s.u.. Internet). Bis Ende März werden die Ergebnisse aller 14 Gruppen in einem übersichtlichen Papier zusammengestellt und ausgewertet.

Die angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gesprächssynode bekommen das Papier zusammen mit den Referatstexten automatisch zugestellt. Die Texte kann man auch im Internet herunterladen unter www.ref-ag.ch im Kapitel «Synode» unter «Werte-Synode» oder per E-Mail beim Sekretariat der Landeskirche bestellen: ag@ref.ch. Für weitere Anfragen: Reformierte Landeskirche Aargau, Sekretariat, Postfach, 5001 Aarau, Telefon 062 838 00 10 oder Fax 062 838 00 29.


Aus dem Referat von Cla Reto Famos
Gesellschaftliche Grundwerte heute
  1. Menschenwürde und Menschenrechte (vom Humanismus oft gegen den Widerstand der Kirche erkämpft)
  2. Individuum und Freiheit (Grenzen der Freiheit durch Verantwortung)
  3. Solidarität und Gerechtigkeit
  4. Vernunft und Entwicklung (ein moderater Fortschrittsglaube)
  5. Demokratie und globale Ordnung

Die vier wichtigsten Thesen

  1. Die Religionsgemeinschaften werden heute wieder stärker als echte Partner in der gesellschaftlichen Wertediskussion wahrgenommen.
  2. Das Christentum hat zu den Werten unserer freiheitlichen Gesellschaft Wesentliches beigetragen.
  3. Unsere gesellschaftlichen Werte haben religiöse Wurzeln, sie können aber auch ohne religiösen Hintergrund in ihrer Geltung anerkannt werden.
  4. Evangelische Theologie ist als aufgeklärte Theologie auf der Höhe der Zeit und kann Wesentliches zur Wertediskussion beitragen – wenn sie sich nicht durch den Rückfall in politische Fundamentalismen selbst behindert.

Informationsdienst, Frank Worbs