Halit Duran (Präsident VAM) und Claudia Bandixen (Kirchenratspräsidentin) zünden Kerzen zum Beginn der Woche der Begegnung an
Begleitet von den Trommeln der Musiker Willi Hauenstein und Kofi Donkor zogen die Akteure der Auftaktveranstaltung zur interreligiösen Woche «Musik und Begegnung» mit brennenden Kerzen in die reformierte Stadtkirche Baden ein. Nach einem muslimischen Gebetsruf des Imams und einem christlichen Lied stimmten Stadtpfarrer Stefan Blumer und Malik Allawala die Anwesenden mit einem gemeinsamen Versöhnungsgebet ein. Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau, begrüsste den Anlass: «Wir gehen als die anderen, die wir sind, einen gemeinsamen Weg für Freiheit und Würde. Der Anlass heisst „Musik und Begegnung“, weil Musik schon immer über Glaubensgrenzen und Kulturen hinweg Begegnung ermöglicht hat.»
Ziel dieses Projekts und dieser Woche sei es, dass «Christen und Muslime sich gemeinsam für Toleranz und Religionsfreiheit einsetzen». Vorurteile und Pauschalisierungen würden die Menschen verletzen. Bei diesen Begegnungen sollen Menschen wieder im Mittelpunkt stehen und dadurch Vorurteile abgebaut werden.
Klares Bekenntnis der Muslime
Aufhorchen liess die Ansprache des Präsidenten des Verbands Aargauer Muslime (VAM), Halit Duran, der die Freude des VAM über dieses Novum einer Woche der Begegnung zwischen Christen und Muslimen ausdrückte und die gute Zusammenarbeit mit der Reformierten Landeskirche würdigte. Im Blick auf die aktuelle «deutliche Verhärtung der öffentlichen Debatte» erklärte er: «Die Begegnung und der Austausch mit dem Anderen, dem aus eigener Sicht Fremden, ist nötig, um Vorurteile abzubauen. Wir dürfen uns nicht durch Ängste leiten lassen.» Und im Blick auf die Minarettverbotsinitiative betonte er in aller Deutlichkeit: «Wir möchten kein Sonderrecht für Muslime. Wir Muslime im Kanton Aargau treten uneingeschränkt für die Demokratie und den Schweizer Rechtsstaat ein. Wir lehnen die Anwendung von Gewalt entschieden ab und stehen auch für eine freie Religionsausübung ein – hier und im Ausland. Wir verurteilen die Einschränkung der Glaubensfreiheit auch in muslimischen Ländern.» Mit spontanem Applaus quittierten die Anwesenden diese deutlichen Worte.
Ein muslimisch-christlicher Chor mit Kindern und Jugendlichen aus Spreitenbach schlug musikalisch die Brücke zwischen den Religionen. Einige Jugendliche äusserten ihre Wünsche zum Zusammenleben der Menschen. Auch der abschliessende Segen wurde von den Geistlichen der verschiedenen Religionen gemeinsam erteilt. Bei dem anschliessenden Apéro übten die Gäste verbindende Begegnungen über die Grenzen der Religionen und Kulturen hinweg.
Das weitere Programm
Eine Diskussion zum Thema «Christen und Muslime in der Schweiz und die Minarett-Initiative» ist am Dienstag, 10. November, um 19 Uhr, live im Radio Argovia ausgestrahlt worden. Vor einem kleinen Publikum mit Vertretern unter anderem der Aargauer SVP, des VAM und der Reformierten Landeskirche diskutierten im Studio von Radio Argovia unter der Leitung von Noel Graber (Radio Argovia): Claudia Bandixen (Reformierte Landeskirche), Sylvia Flückiger-Bäni (Nationalrätin SVP), Halit Duran (VAM) und Dr. Samuel Behloul, (Religionswissenschaftliches Seminar Luzern).
Nach Kinoabenden in Aarau und Baden mit dem Film «Der Imam und der Pastor», einem interreligiösen Frauengespräch in Baden (s.u.) und einem Rap-Konzert «für Respekt und Toleranz» im Aarauer Club Kettenbrücke, schloss die Begegnungswoche am Sonntag, 15. November, mit einer interreligiösen Feier in der Moschee in Wohlen. Daran nahmen neben vielen an der Eröffnungsfeier mitwirkenden Personen auch der Vizepräsident der Moschee Wohlen, Sennur Aydin, teil.
ria / F. Worbs - Medienmitteilung vom Montag, 9. November 2009
Interreligiöses Frauengespräch
Am Mittwoch, 11. November, kommen im Kino «Royal» in Baden christliche und muslimische Frauen zu einem «Interreligiösen Frauengespräch» zusammen. Nach Kurzreferaten der Islamologin Büsra Küçükkaya, und der Theologin Dr. Ina Prätorius unterhalten sich muslimische und christliche Frauen. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr nach einem Apéro ab 18.30 Uhr.
Die Frauen, die sich zum interreligiösen Frauengespräch im Kino Royal Baden eingefunden hatten, erlebten einen spannenden Abend mit vielen Impulsen. Nach einem humorvollen Einstieg mit einem Sketch über die Witze der drei Abrahamitischen Religionen, unterhielten sich die Anwesenden kurz darüber, weshalb sie gerne in ihrer eigenen Religion beheimatet seien und was ihnen ihre Religion bedeute.
Danach forderten zwei ausgewiesene Fachfrauen mit ausgezeichneten Kurzreferaten die Anwesenden zu vertiefter Reflexion heraus. Die Publizistin und Theologin Dr. Ina Prätorius provozierte mit ihrer Aussage, Religion sei heute neu zu erfinden. Gleichzeitig vermittelte sie in ihren Ausführungen ein biblisch fundiertes Glaubens- und Gottesverständnis, das die feministische Forschung rezipiert. Die Islamologin Büsra Küçükkaya entwarf ein Bild vom Islam, das einem festgefügten, bergendem Gebäude entspricht. Sie wies darauf hin, dass die Gleichstellung von Mann und Frau konstitutiv für den Islam sei.
In der anschliessenden Diskussion, an der sich auch die anwesenden Männer beteiligten, wurde klar, dass kulturell bedingte Frauenfeindlichkeiten von den Vertreterinnen beider Religionen kritisiert wurden. Viele Fragen wurden aufgegriffen und zum grossen Teil nur angerissen: Welche Impulse entnehmen sie den eigenen heiligen Schriften? Wie gehen sie mit ihrer Offenbarung um? Ist es ein Zeichen von Freiheit oder verdeckte Kleidervorschrift, an einem Strand im Westen möglichst nackt aufzutreten? Und wie verhält sich das christliche Liebesgebot zur Minarett- Verbots-Initiative? Am Ende des Abends stimmten viele Anwesende darin überein: die Gespräche sollen weitergeführt und vertieft werden.
Irmelin Kradolfer
Konzert für Respekt und Toleranz in Aarau
Im Rahmen des Projekts «Musik und Begegnung» fand am 12. November der vierte Event statt. Dieser sollte auch Jugendliche diesem Thema etwas näher bringen. Es war ein Rap-Konzert mit den Mainacts: Black Tiger aus Basel und Ammar 114 aus dem deutschen Bayern. Der Abend unter dem Titel «Für Respekt und Toleranz» ging in der Kettenbrücke in Aarau über die Bühne.Das Konzert wurde auf dem Hintergrund der Anti-Minarett-Initiative gestartet, beide Organisatoren versicherten denn auch, sich gegen diese Initiative einzusetzen.
Der nicht so gut wie erhofft besuchte Abend begann mit dem Konzert der Hip-Hop Gruppe aus Deutschland, Ammar114. Die Jungs um Frontmann Ammar, der vor mehreren Jahren zum Islam konvertierte, widmet seine Texte speziell Allah und dem Koran. Sie spielen eigentlich vorwiegend auf Familienanlässen oder kleineren Feiern. «Es bedeutet uns viel, an einem Konzert in diesem Rahmen teilzunehmen», meint Rapper Ammar114. Auch der Basler Rapper Black Tiger war gespannt auf den Abend: «Ich bin eher ein offener Mensch. Es ist immer interessant mit verschiedenen Künstlern aufzutreten und sich auf Experimente einzulassen», sagt Black Tiger kurz vor dem Auftritt. Die Auftritte der Hip-Hopper, wurden nicht speziell auf das zum grössten Teil muslimische Publikum abgestimmt, Ammar meinte aber: «unsere Lyrik passt eigentlich relativ gut zum heutigen Abend». Black Tiger fand zwar nicht direkt religiöse Themen in seinem Repertoire, doch «soziale Konflikte spreche ich in meinen Liedern oft an», erklärte er. Daher waren auch seine Songs nicht fehl am Platz.
Zwischen den beiden Konzerten liessen es sich zwei junge Frauen nicht nehmen, die Bands selbst zu den Themen Religionsfreiheit und Minarett-Initiative zu befragen, die darauf auch persönlich und ausführlich Antwort gaben.
Die Minarett-Initiative sorgte an diesem Abend natürlich für viel Gesprächsstoff vor, während und nach den Konzerten. Auch Black Tiger sagte klar und deutlich seine Meinung dazu: «Die Initiative finde ich ungeschickt gewählt. Vielleicht hilft es aber, dass die Leute mal ihre verschiedenen Standpunkte, Glaubensbekenntnisse und Vorurteile überdenken und miteinander diskutieren. Eine Demokratie muss das aushalten können. Egal auf welcher Seite man steht.» Black Tiger hat bereits Erfahrungen mit verschiedenen Religionen, da er seit Jahren mit der türkischen Rap-Crew Makale unterwegs ist, deren Mitglieder Muslime sind. Auch Rapper Ammar 114 und seine Jungs haben aus Deutschland Erfahrungen mit den Problemen bei Baubewilligungen für ein Minarett oder mit der Einschränkung der Religionsfreiheit. Alle waren der Meinung, dass man in der Schweiz und in Deutschland solche Themen offen diskutierten sollte, da gerade Länder wie diese Religionsfreiheit repräsentieren.
Nicolas Worbs