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Im Anschluss an den interdisziplinären Kongress «Ganz Mensch bis zum Tod» am 12. und 13. September in Aarau diskutierte die Reformierte Landeskirche Aargau an einer Gesprächssynode am Mittwoch im Kirchgemeindehaus Lenzburg über die Fragen, die sich der Kirche zu diesem Thema stellen. 120 reformierte Parlamentarier, kirchliche Mitarbeitenden und einige Gäste waren sich am Schluss der ganztägigen Veranstaltung einig: Aufgrund ihrer grossen Erfahrung und Kompetenz im Begleiten von Leiden, Sterben und Tod muss sich die Kirche im politischen und gesellschaftlichen Prozess stärker für die Würde der Betroffenen einsetzen. Und sie kann zur Unterstützung der betroffenen Angehörigen die Freiwilligenarbeit verstärken und organisieren.
In seiner Begrüssung ging Synodepräsident Daniel Hehl auf die Fragen ein, mit denen die die Synodalen eingeladen wurden: «Wie gehen wir als Glaubende mit dem Sterben um? Wo haben die Kirchen Anfragen an die heutige Zeit, an die technischen Möglichkeiten im Gesundheitswesen und beim Sterbeprozess? Was muss die reformierte Kirche selbst tun?»
Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen stellte drei Gäste aus unterschiedlichen Lebensbereichen vor, die zum Einstieg in den Tag ihren Umgang mit dem Tod reflektierten. Zwei von ihnen sind dem Tod schon sehr nahe gekommen: Der Bergsteiger Beat Berger in seiner Tätigkeit als Bergführer und der REGA-Sanitäter Jean-Jacques Aerne, der schon mehrfach mit dem Sterben von Patienten trotz aller medizinischen Massnahmen konfrontiert wurde.
Berger schilderte lebhaft den Fastabsturz einer Dreier-Seilschaft, den er als Letzter in dieser Gruppe nur «wie durch ein Wunder» verhindern könnte. Erst nach Abschluss des konzentrierten Abstiegs, am Fuss des Berges, habe er die Emotionen zulassen können und die Todesangst gespürt. Es sei ihm durchaus bewusst, dass man in den Bergen trotz aller Erfahrung und Vorsichtsmassnahmen ein «Restrisiko nie ausschliessen könne». Aber er ist überzeugt: «Gott wacht über Leben und Tod. Es steht in seiner Hand.»
Jean-Jacques Aerne leitet die Helikopterbasis der REGA in Basel und ist schon an unzähligen Einsätzen als Rettungssanitäter mitgeflogen. Er schilderte vier sehr bewegende Fälle, in denen Patienten trotz intensiver Bemühungen, nach einer gewissen Zeit der Begleitung, in der sich eine persönliche Beziehung zu den Betroffenen entwickle, trotzdem überraschen gestorben seien. Das beschäftige ihn mitunter noch wochenlang. Er fragt sich oft: «Haben wir das Richtige getan, warum ist uns die Patientin entglitten?». Zwei Kollegen, erfahrene Helikopterpiloten, habe er bei Einsätzen schon verloren. Wie geht er selbst mit der ständigen Gefahr um? «Der Tod fliegt immer mit. Aber er ist nichts Böses. Wir müssen jederzeit darauf vorbereitet sein. Der Tod gehört zum Leben.»
Zum Abschluss gab der Slam-Poet und Schauspieler Simon Chen aus Zollikerberg dem schweren Thema eine scharfe gedankliche Wende. Aus der Distanz des Satirikers und Poeten habe er sich mit der Sterbehilfediskussion um Dignitas befasst, weil es ihn schlicht aufgeregt habe, was dort passierte. Und so kommentierte er mit durchdachten und bissigen Worten die Arbeit von «Dignitas», die trotz des Anscheins, den ihr Namen erwecke, so gar nichts mit «Würde» zu tun habe. Es sei eine erschreckende Entwicklung: Von Pentobarbital im Wohnwagen zu Heliumgas im Industriequartier. «Es kostet Sie nur Ihr Leben.» Bald, so karikierte er, würde es in den Bahnhöfen «Sterbomaten» mit heliumgefüllten «Exit-Bags» geben.
Wie man anders mit dem Sterben umgehen solle, wie die Würde des Menschen bis zum Schluss respektiert werden könne und was dabei die Aufgabe der Kirche sei, darüber diskutierten die reformierten Parlamentarier, kirchlichen Mitarbeitenden und einige Gäste fast vier Stunden lang am Vor- und Nachmittag in kleinen Arbeitsgruppen, unterbrochen von einer Mittagspause. Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Georg Schmid begleitete sie dabei mit seinen Beobachtungen und Kommentaren. Er ermutigte dazu, reformierte Rituale stärker zu pflegen und die reformierten Glaubensinhalte auch über den Tod und das Leben danach selbstbewusster zu vertreten.
Am Vormittag ging es in erster Linie um den eigenen persönlichen Zugang und Umgang mit Sterben und Tod. Am Nachmittag diskutierten neun Arbeitsgruppen die drei Fragenkreise «Sterbebegleitung oder Suizid bzw. Suizidbeihilfe? Gesellschaftliche Rahmenbedingungen – Anfragen der Reformierten an Politik, Wirtschaft, Medizin und Ethik. Auftrag und Praxis der Reformierten Landeskirche gegenüber Sterbenden und ihren Angehörigen.»
Mit Spannung wurden die Ergebnisse der neun Arbeitsgruppen erwartet, die dann in einem Punkt eine erstaunliche Übereinstimmung zeigten: Die kompetente Begleitung in Leiden, Sterben, Tod und Trauer ist eine der grössten Stärken der Kirche. Sie muss diese Kernkompetenz und ihre Leistungen wieder selbstbewusster in die aktuellen Diskussionen einbringen. Pflegebedürftige Menschen sollen wieder mehr im Kreis ihrer Angehörigen in Würde sterben können – so wie sich das die Allermeisten wünschen. Dazu kann die reformierte Kirche durch die Unterstützung der Freiwilligenarbeit wesentlich beitragen.
De Arbeitsgruppen listeten auch gleich konkrete kirchliche Aufgaben auf: In jeder Kirchgemeinde soll es eine Gruppe von Freiwilligen geben, ausgebildet und spezialisiert für Sterbebegleitung. Die Angehörigen müssen in der Betreuungsarbeit für Schwerkranke von Freiwilligen unterstützt und zeitweise abgelöst werden. Die reformierte Kirche kann Freiwillige für diese Aufgaben ausbilden, und sie kann für Strukturen und Sozialzeitmodelle sorgen, in denen diese Freiwilligenarbeit organisiert und auch dokumentiert und gewürdigt wird.
Mit den kirchlichen Aktivitäten allein ist es aber nicht getan. Die reformierte Kirche soll sich auch in den politischen Dialog einmischen und immer wieder die Würde des Menschen reklamieren, gegen den Spardruck bei den Betreuungsleistungen im Gesundheitswesen, für ausreichende Gelder, die den Pflegeinstitutionen oder Hospizen die würdige Begleitung sterbender Menschen ermöglichen.
Die Suizidbeihilfe, wie sie Dignitas und Exit betreiben, wurde von allen Gruppen kritisiert. Man wolle sich aber nicht auf die Kritik konzentrieren und erst recht nicht einzelne Menschen verurteilen, sondern positive Angebote dagegen setzen oder stärken wie Palliativ Care oder die pflegende Sterbebegleitung durch Freiwillige.
In seinem Schlussvotum ermunterte Georg Schmid die Reformierten aber noch zu mehr politischem Engagement: Die liberale Suizidbeihilfe-Praxis, die im Kanton Zürich die zweifelhaften Methoden von Dignitas erst ermögliche, müsste durch strengere Regelungen ersetzt werden.
Am Schluss würdigte Nationalrat Luzi Stamm, der direkt von der Session in Bern angereist war, das Engagement der reformierten Kirche für diese wichtige gesellschaftliche Thematik. Mit einer Andacht ging der Anlass, wie es sich für eine Kirche gehört, zu Ende.
ria / F. Worbs
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