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Podium am Kongress in Aarau, 13. Sept. 08: Heine, Schmid, Rotach, Hell
Podium zu Nachtodesvorstellungen am Kongress in Aarau: Die Moderatorin Brigitta Rotach (2.v.re.) im Gespräch mit (v.li.) Susanne Heine, Georg Schmid, Daniel Hell
Foto: Felix Wey


Leben heisst Beziehungen – Sterben darf nicht nur ein medizinische Problem werden
Interdisziplinärer Kongress «Ganz Mensch bis zum Tod» am 13. September im Kultur & Kongresshaus Aarau

Über 400 Gäste folgten der Einladung der Reformierten Landeskirche Aargau am Samstag, 13. September, zum interdisziplinären Kongress «Ganz Mensch bis zum Tod» im Kultur & Kongresshaus Aarau. In acht Referaten und sechs Fachseminaren diskutierten Fachleute aus Medizin und Pflege, Kirche und Theologie, Politik und Rechtswissenschaft über die aktuellen Fragen zum Umgang mit Sterben und Tod in unserer Gesellschaft.

2. Medienmitteilung zum Kongress  vom Montag, 15. September 2008

An diesem 13. September regnete es in Aarau während des ganzen Tages, so als hätte sich das Wetter ganz auf das Thema des im Kongresshaus stattfindenden Symposiums eingestimmt. Im Foyer herrschte unter den aus der ganzen deutschsprachigen Schweiz angereisten Gästen hingegen eine lebhafte Stimmung. Viele deckten sich an den Ständen der reformierten Spitalseelsorge, des Aargauer Hospiz-Vereins und des Palliativnetzes Schweiz mit Material ein oder beschäftigten sich am Büchertisch mit einschlägiger Literatur.

Die Reformierte Landeskirche Aargau wollte mit dem «Interdisziplinären Kongress zu medizinischen, ethischen, politischen und theologischen Fragen am Ende des Lebens» in die Debatte um Sterbehilfe und Menschenwürde verstärkt ethische und theologische Aspekte einbringen und die Fachleute zum Gespräch einladen. Der Kongressleiter Frank Worbs stellte erfreut fest, dass das Thema auf grosses Interesse stiess: Die 400 Plätze waren ausgebucht, einige Interessenten mussten sogar abgewiesen werden. Mehr als ein Drittel der Teilnehmenden kamen aus der Medizin und dem Pflegebereich. Auch einige Juristinnen und Politiker nahmen an der Diskussion teil. Die Mehrheit bildeten freiwillige kirchliche Mitarbeitende und Synodale aus den Kirchgemeinden sowie Pfarrerinnen und Pfarrer.

Mitten im Leben Zeichen des Todes
In der Begrüssung verwies Claudia Bandixen, Präsidentin des Kirchenrates der Reformierten Landeskirche Aargau, auf den engen Zusammenhang zwischen Leben und Tod. Nur von jenem Tod müsste man sich fürchten, der sich mitten im Leben ereignete, wenn der Mensch glaube, alles im Griff haben zu müssen, selbst den Tod. Ernst Hasler, Aargauer Regierungsrat und Vorsteher des Departements Gesundheit und Soziales, sprach in seinem Grusswort die Problematik der Suizidbeihilfe an. Die Aargauer Regierung wolle den 2009 zu erwartenden Bericht des Bundesrates abwarten, bevor sie weitergehende Regelungen zur Suizidbeihilfe prüfe. Dabei gelte es, zwischen «Selbstbestimmung, Schutz des Lebens und Fürsorge für das Individuum» abzuwägen.

Beziehungen und Schamgefühl: wichtige Schlüssel zum Verstehen
Drei Referate aus drei Disziplinen standen am Morgen auf dem Programm. Die Moderatorin Brigitta Rotach, prominentes Gesicht aus den «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens, stellte als erstes die Theologin Prof. Dr. Susanne Heine vor, Leiterin des Instituts für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Universität Wien. Heine betrachtete unter dem in Anlehnung an einen bekannten Film kreierten Titel «Koordinaten des Daseins – die christliche Matrix» den Menschen als ein von Gott gewolltes Individuum, mit dem Gott eine Beziehung eingehe. Für Heine ist die Beziehungsebene zwischen den Menschen existenziell, speziell wenn es um Leiden und Sterben gehe. Der Mensch sei nur begrenzt autonom, gab sie zu bedenken, die Sterbehilfe setze aber vor allem auf Autonomie. Mitgefühl, Zuwendung und Hilfe zum Leben sind Schlüsselbegriffe einer christlichen Matrix. Ihr Hauptgedanke, dass der Mensch auf Beziehung angelegt sei und Beziehungslosigkeit bereits mitten im Leben Tod bedeute, tauchte auch in den folgenden Referaten auf.

Mit Interesse wurde auch das zweite Referat des Mediziners Prof. Dr. Daniel Hell, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erwartet. Was denkt ein mit der Praxis vertrauter Arzt und Grenzgänger zwischen Medizin und Spiritualität über die Problematik «Von der medizinischen Hilfe zum Leben zur Hilfe zum Sterben»? Hell konstatierte einen einschneidenden Umbruch im Gesundheitswesen. Der Patient werde heute als Kunde verstanden, der durch den grossen medizinischen Fortschritt den Anspruch auf eine leidfreie Existenz erhebe. In der Folge sei der Arzt zum «Wunsch erfüllenden Dienstleister» geworden. Nicht der Tod sei geheimnisvoll, sondern das Leben, das nicht machbar sondern nur erfahrbar sei, meinte Hell. Er plädierte wie seine Vorrednerin für das Verständnis für den Suizidwunsch jenseits von Kategorien wie richtig und falsch. Er wies aber auch darauf hin, dass dieser Wunsch oft aus einem tiefen Schamgefühl heraus komme. Die Scham schütze die Würde eines Menschen, wenn er in grosse Abhängigkeit gerät und befürchten muss, ausgesetzt und innerlich verletzt zu werden.

Prof. Dr. Brigitte Tag, Ordinaria für Straf- und Medizinrecht an der Universität Zürich, erläuterte im dritten Fachreferat die verschiedenen strafrechtlichen Bestimmungen zur Suizidbeihilfe und die aktuelle juristische Diskussion. Sie erklärte, warum Sterbehilfeorganisationen nicht verboten werden sollten, forderte aber eine strenge Reglementierung und stellte bereits den Entwurf für eine Revision des betreffenden Strafrechtsartikels vor.

Von Gesundheitspolitik über Patientenverfügungen bis zur Seelsorge
Nach dem Mittagessen verteilten sich die Anwesenden auf sechs Seminare. Das Themenangebot reichte von praktischen Fragestellungen «Wie gehe ich mit dem täglichen Sterben im Beruf um?» oder «Seelsorge mit Sterbenden und Angehörigen» über Palliativmedizin statt Suizidbeihilfe sowie «Sinn und Grenzen von Patientenverfügungen» bis hin zu einer gesundheitspolitischen Podiumsdiskussion über die steigenden Gesundheitskosten und zu der Frage, was eigentlich nach dem Tod kommt. Hier war auch der Ort, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Fragen und Meinungen einbringen konnten.

Im abschliessenden Teil stellten weitere vier Referenten wichtige Themen und die Diskussion aus den Seminaren in Kurzreferaten: Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Georg Schmid skizzierte kritisch moderne Nachtodesvorstellungen. Der Mediziner Dr. Roland Kunz berichtete über die Bedeutung des neuen Ansatzes der Palliativmedizin. Der Sozialethiker Dr. Markus Zimmermann-Acklin stellte kritische Anfragen an Patientenverfügungen, und der Soziologe und Gerontologe Matthias Mettner gab einen fast schon literaturgeschichtlichen Überblick über den Umgang mit dem Tod in der Poesie.

Demenz – eine Krankheit als Spiegel der Gesellschaft
Den Schlusspunkt setzte der deutsche Theologe und Soziologe Prof. Dr. Dr. Gronemeyer, der mit seinem Buch «Sterben in Deutschland» provozierende Fragen aufgeworfen hat. Er warnt vor einer sich abzeichnenden «Qualitätskontrolle des Sterbeprozesses», wenn das Sterben immer mehr den Fachleuten überlassen werde und befürwortet stattdessen die Arbeit der Freiwilligen in den Sterbehospizen. Aufhorchen liess er das Publikum, das bis zur letzten Minute aufmerksam ausharrte, mit seiner These, dass so viele Alte an Demenz und Alzheimer erkranken, weil dies eigentlich die Grundkrankheit der modernen Gesellschaft sei: Der Verlust von Erinnerungen und Erfahrungen. Wenn eine Gesellschaft den Alten nur sage, ihre Erfahrungen seien nichts mehr wert, dass nur Wandel und technischer Fortschritt zähle, dann sei der Gedächtnisverlust der Alten kein zufälliges Krankheitsbild sondern die Schattenseite der hemmungslosen Beschleunigung. Jede Gesellschaft bringe ihre charakteristische Krankheit hervor, die im Angesicht des Todes der Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Damit gingen eindrückliche acht Stunden zu Ende und die Kongressgäste mit vielen Gedanken aber nichtsdestotrotz zufrieden nach einem erfüllten Tag nach Haus. Alle Vorträge wurden aufgezeichnet und sind auf  Audio-CDs oder als Film-DVDs erhältlich, zum Teil sogar schon am Kongress selbst. Weitere Informationen zu Abschriften sowie Bild- und Tonträgern finden Sie hier.

ria / Maya Künzler / fw
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Aufgeschaltet am 15. September 2008.
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