Das Aargauer Pfarrkapitel am 14. Mai 09 in der ref. Stadtkirche Brugg
Foto: ria / F. Worbs
Zu Beginn wurden drei Vorstandsmitglieder verabschiedet: Pfrn. Marianne Reifers geht im April 2010 nach ihrer Pensionierung nach Luxor in Ägypten. Pfr. Johannes Werder tritt ebenfalls nach sechs Jahren Vorstandstätigkeit aus dem Gremium zurück. Und der Safenwiler Pfarrer Gunnar Brendler wechselt nach dreieinhalb Jahren im Vorstand nach Kreuzlingen am Bodensee und verlässt damit den Kanton Aargau. Danach erledigte das Kapitel den geschäftlichen Teil, zu dem im Frühjahr die Abschlüsse der Kapitel- und Bibliothekskasse sowie das Budget gehören.
Spannend wurde es dann beim Vortrag von Andreas Hunziker. Er skizzierte zunächst die gesellschaftlichen Veränderungen, die zu einem starken Pluralismus auch innerhalb der Kirchen geführt habe. In einer historischen Rückschau zeigte er den Ansatz Schleiermachers auf, der mit seinem erfahrungs- und ausdrucksorientierten Modell versuchte, die Spannungen im innerkirchlichen Bereich «auszuhalten». Die daraus resultierende «Privatisierung» der Religion ist für Andreas Hunziker heute keine Lösung mehr, zumal er die Schleiermachersche Annahme einer allgemeinen religiösen Grunderfahrung nicht teilt. Die Vernachlässigung von Glaubensinhalten im Sinne von «Wichtig ist nicht, was wir glauben, sondern dass wir glauben» habe – nach Meinung Hunzikers – dazu geführt, dass die Kirche in der pluralistischen Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen werde.
Hunziker plädierte für das kulturell-sprachliche Modell und zitierte dazu G. Lindbeck mit den Worten: Religion «ist in erster Linie nicht ein Feld von Glaubenssätzen über das Wahre und Gute (obwohl es dieses einschliessen kann) oder ein symbolischer Ausdruck grundsätzlicher Haltungen, Gefühle und Empfindungen (obwohl diese hervorgerufen werden können).» Sie gleiche vielmehr einem «Idiom (Sprechweise eines bestimmten Kreises von Personen), das die Beschreibung der Realität, die Formulierung von Glaubenssätzen und das Ausdrücken innerer Haltungen, Gefühle und Empfindungen ermöglicht.» (G. Lindbeck, Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens). Für die Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer bedeute dies: Der inner- und ausserkirchliche Pluralismus solle nicht dazu führen, auf das dogmatisch-normative Denken zu verzichten. Dogmatisches Denken müsse die spezifische Identität des christlichen Glaubens betonen, ohne sich von der Gegenwart abzukapseln.
Dies bedeute in der Gegenwart, die christlichen Gemeinschaftszusammenhänge zum Beispiel durch sozialdiakonisches Handeln und gottesdienstliches Feiern zu fördern. Ohne Kinder- und Jugendliche, die die Bilder- und Lebenswelten des christlichen Glaubens kennen, werde es immer weniger Menschen mit einem erwachsenen und kritischen Glauben geben. Pfarrerinnen und Pfarrer bewegten sich in einem schwierigen Spannungsfeld einerseits im Blick auf den eigenen Glauben, und andererseits als die, die in der Gemeinde die Verantwortung dafür haben, was sie an theologischer Traditionen weitergeben. Aus der Frage, wie der Weg vom «ich» des einzelnen Dogmatikers bzw. der Dogmatikerin zum «wir» des gemeinsamen Glaubens möglich sei, resultiert Hunzikers Bezeichnung der Dogmatik als «halsbrecherisches Tun». Denn zum einen kommt einer Anmassung gleich, als Einzelner für andere zu sprechen, zum anderen ist die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Zum Abschluss seines Vortrags ging Andreas Hunziker selbst noch das «Wagnis» ein und fragte nach der Bedeutung des Satzes: Jesus Christus ist Gottes Sohn. Für ihn meint dieses Grundbekenntnis: An Jesus Christus zu glauben bedeutet, sich im Leben davon bestimmen zu lassen, dass Gott in jedem Menschen so gegenwärtig ist, wie er auch in Jesus selbst gegenwärtig war.
Die an den Vortrag anschliessende Diskussion drehte sich vor allem um die Fragen, wie dem Traditionsabbruch zu begegnen sei und ob unsere reformierte Kirche ein Bekenntnis brauche.
Meldung verfasst von: Lutz Fischer-Lamprecht.
Aufgeschaltet am 19. Mai 2009.
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