Synode vom 18. November 1998


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Synode vom 18. November 1998

Homosexualität darf in der Kirche sichtbarer aber nicht gesegnet werden
Mit nur einer Einschränkung hat die Synode der Evangelisch-reformierten Landeskirche im Kanton Aargau am Mittwoch der Vorlage des Kirchenrates zum Thema Homosexualität und Kirche zugestimmt. Die Reformierte Landeskirche will der Diskriminierung von homosexuellen Mitmenschen in der Kirche und in unserer Gesellschaft deutlich entgegentreten. Homosexualität soll kein Hinderungsgrund für die Übernahme eines kirchlichen Dienstes sein, sei es im Diakonischen Bereich, im Pfarramt oder in der Kirchenleitung. Der Kirchenrat wurde beauftragt, „in Kirche und Gesellschaft darauf hinzuwirken, dass zivilrechtlich geschützte Formen des Zusammenlebens von homosexuellen Paaren gefunden werden“.
Dass die Meinungen in der Synode und der Landeskirche aber nicht so eindeutig und klar sind, wie diese Beschlüsse vermuten lassen, zeigte sich in der engagierten zweistündigen Diskussion. Eine starke Minderheit in der Synode verurteilt aufgrund bestimmter biblischer Aussagen das Ausleben homosexueller Praktiken nach wir vor als Sünde. Robert Hasler lehnte im Namen der Evangelisch-reformatorischen Fraktion die Vorlage weitgehend ab: „Wir dürfen nicht zulassen, dass von einem Zeitgeist bestimmt wird, was an biblischen Aussagen heute noch gelten darf“. Im Wissen um diese gegensätzlichen Positionen will der Kirchenrat gemäss der Vorlage „auf die Einführung einer Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare als in der Kirchenordnung verankerte kirchliche Amtshandlung vorläufig verzichten“. Die Gegner der Vorlage wollten auch das „vorläufig“ beim Verzicht auf die Segnungsfeier streichen, konnten sich aber nicht durchsetzen.
Kirchenratspräsident Paul Jäggi betonte, dass die Vorlage letztlich nur beschreibe, was in der Praxis der Landeskirche bereits weitgehend üblich sei. Nun dürfe es auch offiziell sichtbar werden. Schon bisher konnte ein Pfarrer oder eine Pfarrerin in eigener theologischer und seelsorgerlicher Verantwortung Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare durchführen. Diese Feiern, hält die Vorlage fest, sollen sich aber von Trauungen deutlich unterscheiden. Die Synode verlangte die zusätzliche Einschränkung, dass eventuelle Gottesdienste nur im Einverständnis mit der Kirchenpflege gefeiert werden dürften. Eine Fachgruppe „Gleichgeschlechtliche Lebensentwürfe“ soll die Modelle solcher Feiern sammeln und in fünf Jahren einen Bericht vorlegen.
Zu den üblichen Geschäften einer Herbstsynode gehört die Beratung des Kostenvoranschlags 1999 der Landeskirche, der mit einem Gesamtbetrag von 10,3 Millionen Franken bei einem Aufwandsüberschuss von 75 000 Franken genehmigt wurde. Dieser Betrag wird durch den unveränderten Beitrag der Kirchgemeinden von 2,4 % der Einnahmen aus den Kirchensteuern finanziert. Zusätzlich nahm die Synode 20 000 Franken für die ökumenische Seelsorge in den vier nationalen Empfangsstellen für Asylsuchende in das Budget auf. Diese Arbeit der Kirchen für ankommen-de Flüchtlinge, die noch nicht ins offizielle Asylverfahren aufgenommen und oft völlig allein gelassen sind, ist insbesondere durch den neuen Zustrom von Flüchtlingen aus dem Kosovo besonders wichtig geworden.
Für die Renovation und den Umbau des Heimgartens Brugg, ein Wohn- und Arbeitsheim der Reformierten Landeskirche für psychisch und geistig behinderte Frauen, wurde ein Baukredit von 1,79 Millionen Franken bewilligt. Da immer weniger Frauen des Wohnheims Arbeitsplätze für Behinderte in der freien Wirtschaft finden, müssen mehr Beschäftigungs- und Werkplätze im Wohnheim selbst geschaffen werden. Ausserdem ist eine Renovation des 20-jährigen Haupthauses notwendig geworden.
Die Synode startete ausserdem die beiden neuen Themenkreise „Frauen und Männer in der Kirche“ sowie „Kirche zwischen prophetischem Auftrag und Dienstleistung“ im Projekt „Kirche 2002“. Mit der letzten Session der Synode in dieser Amtsperiode trat Synodepräsident John Christoffel nach vier Jahren von seinem Amt zurück. Kirchenratspräsident Paul Jäggi verabschiedete ihn mit wohlgesetzten Worten. Mit einem stehenden Applaus brachte die Synode ihren Dank zum Ausdruck.

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Synode vom 18. November 1998 in Aarau, Zusammenfassung der Beschlüsse

  1. Stiftungsprofessur Theol. Fakultät Basel „Oekumene und Missionswissenschaft“; Unterstützung durch die Zinsen aus dem Stipendienfonds der Landeskirche
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit der Förderung der Stiftung für Oekumene, Mission und interkulturelle Gegenwartsfragen der Basler Mission an der evang.-theologischen Fakultät Basel ihre Zustimmung erteilt.
    Die Synode hat den Kirchenrat damit beauftragt, die Zinserträge aus dem in seiner Verfügungskompetenz stehenden Stipendienfonds für die Jahre 1998 bis 2002 der genannten Stiftung zukommen zu lassen.
  2. Taggelder und Reiseentschädigungen; Änderungen Reglement Nr. 2.28a
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit, bei einer Gegenstimme beschlossen, das Reglement wie folgt abzuändern:
    Der Präsident einer Kommission erhält für die Leitung der Sitzung ein zusätzliches Sitzungsgeld, desgleichen der Protokollführer.
    § 2 Abs. 4 (neu):
    Den Mitgliedern des Kirchenrates wird bei ganztägigen oder mehrtägigen Sitzungen für die Verpflegung ein Betrag von Fr. 21.70 pro Hauptmahlzeit belastet.

  3. Heimgarten Brugg; Umbau- und Sanierungsmassnahmen
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit ohne Gegenstimme einem Baukredit von total Fr. 1'790'000.-- zu Lasten der Rechnung Heimgarten Brugg für das folgende Bauvorhaben zustimmen. Das Bauvorhaben wird aus den Reserven und aus der Betriebsrechnung der Heimgartenrechnung finanziert. Es ist beim Bund (IV) und beim Kanton subventionsberechtigt.
    • Umbau von vier 1 ½ Zimmer-Wohnungen in einen Werkraum mit 20 Arbeitsplätzen
    • Ausbau und Renovation des Haupthauses
    • Brandschutzmassnahmen
    • Aussenrenovation
  4. Teuerungszulagen auf den Minimalbesoldungen für
    Diakonische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
    Katechetinnen und Katecheten, haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter der Kirchgemeinden. Die Synode hat mit grosser Mehrheit ohne Gegenstimme beschlossen:
    Auf eine Anpassung der Minimalbesoldungen an die Teuerung wird verzichtet.
    Der massgebende Teuerungsindex wird auf 138,9 Punkte (unverändert gegenüber dem Vorjahr) festgelegt (Indexstand 1982 = 100%).
  5. Teuerungszulagen auf Besoldungen landeskirchlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit ohne Gegenstimme beschlossen:
    Auf eine Anpassung der Minimalbesoldungen an die Teuerung wird verzichtet.
    Der massgebende Teuerungsindex wird auf 138,9 Punkte (unverändert
    gegenüber dem Vorjahr) festgelegt (Indexstand 1982 = 100%).
  6. Voranschlag 1999
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit den Voranschlag 1999 der Zentralkasse zum Beschluss erhoben.
    Der Kirchenrat wird ermächtigt, für das Jahr 1999 einen Zentralkassenbeitrag von den Kirchgemeinden von 2,4% des 100-prozentigen Steuersolls zu beziehen.
    Der Fonds Kirchentag wird umbenannt in Veranstaltungen und wechselt in die Verfügungsgewalt des Kirchenrates.
  7. Arbeitsprogramm und Finanzplan des Kirchenrates für die Amtsperiode 1999-2002
    Die Synode hat vom vorliegenden Arbeitsprogramm und Finanzplan 1999-2002 Kenntnis genommen.
    Sie hat in der erfolgten Diskussion von Arbeitsprogramm und Finanzplan dem Kirchenrat abweichende Vorstellungen und Auffassungen bekannt gegeben.
  8. Homosexualität und Kirche
    Nach eingehender Diskussion und Kenntnisnahme des vorliegenden Berichts und der Auswertung der Gesprächssynode hat die Synode folgende Anträge genehmigt:
    • Der Kirchenrat wird damit beauftragt, eine Fachgruppe „gleichgeschlechtliche Lebensentwürfe“ zu bestellen und mit folgendem Auftrag zu versehen: Bildungsveranstaltungen initiieren, begleiten, unterstützen; Grundlagenmaterial für Kirchgemeinden und Interessierte zusammenstellen und herausgeben; Sammeln von Liturgien, die anlässlich von Segnungs- oder Fürbittegottesdiensten für homosexuelle Partnerschaften verwendet wurden; Bildung eines Ausschusses zur Unterstützung und Beratung von Kirchenpflegen, die homosexuelle Pfarrerinnen oder Pfarrer oder kirchliche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zur Wahl vorschlagen oder wählen wollen; Kontakte mit Vereinen und Verbänden im Themenbereich „Gleichgeschlechtliche Beziehungen“.
      Zusatz: Die Fachkommission erhält zusätzlich den Auftrag, die gesammelten Erfahrungen nach angemessener Zeit zur Auswertung vorzubereiten.
      Zusatz: „Für die Durchführung von Segnungs- oder Fürbittegottesdiensten für homosexuelle Partnerschaften holt die Pfarrerin oder der Pfarrer die Einwilligung der ortsansässigen Kirchenpflege ein“ resp. „Segnungs- oder Fürbittegottesdienste für homosexuelle Partnerschaften dürfen durch die Pfarrerin oder den Pfarrer nur im Einvernehmen mit der Kirchenpflege durchgeführt werden.
    • Im Gebiet der Reformierten Landeskirche Aargau wird auf die Einführung einer Segnungsfeier für gleichgechlechtliche Paare als in der Kirchenordnung verankerte kirchliche Amtshandlung vorläufig verzichtet.

  9. Sofern Segnungs- oder Fürbittegottesdienste für homosexuelle Partnerschaften aus seelsorgerlichen Gründen durchgeführt werden, muss die theologisch-dogmatische Eigenständigkeit des evangelischen Eheverständnisses sowie die liturgische Eigenständigkeit der Trauung beachtet werden. Die anlässlich von Segnungsgottesdiensten für homosexuelle Partnerschaften verwendeten liturgischen Texte sind mit einem Bericht der Pfarrerin oder des Pfarrers der Fachgruppe zuzustellen.
  10. Die Synode hat mit grosser Mehrheit beschlossen, dass die homosexuelle Orientierung und Lebensform in Zweierpartnerschaft grundsätzlich mit der Übernahme eines kirchlichen Dienstes der Landeskirche vereinbar ist, sofern keine anderen Ausschlussgründe vorliegen. Die Kirchenpflegen sollen durch die Fachgruppe „gleichgeschlechtliche Lebensentwürfe“ in der praktischen Umsetzung dieses Beschlusses unterstützt werden.
  11. Der Kirchenrat wird von der Synode damit beauftragt, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in Kirche und Gesellschaft darauf hinzuwirken, dass zivilrechtlich geschützte Formen des Zusammenlebens von homosexuellen Paaren gefunden werden.
  12. Der Kirchenrat wird von der Synode mit grosser Mehrheit damit beauftragt, nach einer Frist von 5 Jahren und nach gründlicher Auswertung der gemachten Erfahrungen der Synode wieder Bericht und Antrag vorzulegen.
  13. Projekt „Kirche 2002“; Bewilligung der Projektphasen Frauen&Männer in der Kirche sowie Kirche zwischen prophetischem Auftrag und Dienstleistung
    Die Synode hat mit grosser Mehrheit bei zwei Gegenstimmen die Einleitung der Projektphase Frauen & Männer sowie die Einleitung der Projektphase Kirche zwischen prophetischem Auftrag und Dienstleistung bewilligt.
    Die Synode hat vom geplanten Verlauf der beiden Projektphasen Kenntnis genommen.
  14. Kreditabrechnung Sanierung 1998 des Verwaltungsgebäudes Haus der Kirche in Aarau
    Die Synode hat ohne Gegenstimmen die Kreditabrechnung Sanierung 1998 Haus der Kirche, die mit einer Kreditüberschreitung von Fr. 705.30 abschliesst, genehmigt.
  15. Öffentlichkeitskampagne Diakonie
    Die Synodemitglieder haben von diesem Projekt Kenntnis genommen und unterstützen die Kampagne in ihren Kirchgemeinden.
  16. Organisations-Entwicklungsprozess; Zwischenbericht
    Die Synode hat vom vorliegenden Bericht in zustimmendem Sinne Kenntnis genommen.

Motion der Synodefraktion „Kirche und Welt“
Der Kirchenrat wird damit aufgefordert, die Revision der „Geschäftsordnung für die Synode“ vom 20.Nov. 1978 zügig an die Hand zu nehmen.
Der Kirchenrat hat sich bereit erklärt, die Motion entgegenzunehmen. Aus der Synode wurde das Wort nicht verlangt, sodass die Motion als überwiesen gilt.