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Übersicht über das Diakonische Wirken der Aargauer Landeskirche
Diakonie ist ein Zeugnis des Evangeliums in Wort und Tat

Bis Mitte der 90er Jahre wurden mit «Diakonie» die verschiedenen Aktivitäten christlicher Liebestätigkeit bezeichnet, die zur Gründung zahlreicher diakonischer Werke und Institutionen führten. Häufig musste sich die Kirche sozialer Notstände annehmen da Kanton und Gemeinden nicht reagieren konnten oder wollten. In dieser Zeit entstanden viele soziale Einrichtungen unter der Federführung der Landeskirchen.


1. Geschichtlicher Rückblick
Im Aargau entstanden unter anderen folgende Einrichtungen unter Führung oder auf Initiative der Reformierten Landeskirche hin:
•    Heimgärten: Häuser für begleitetes Wohnen und Arbeiten für Frauen, Aarau und   Brugg
•    Kinderheim, Brugg
•    Männerheim Satis, Seon
•    Zwei Kliniken für Suchttherapie: im Hasel und die Effingerhort Stiftung
•    Schürmatt, Zetzwil
•    Arbeitszentrum für Behinderte, Strengelbach
•    HEKS-Lernwerk, Windisch
•    Frauenberatungsstelle, Aarau
•    Ökumenische Eheberatungsstellen
•    Notschlafstelle, Aarau
•    Regionaler Jugendberatungsdienst, Aarau
•    Familienplanung: Beratungsstellen, Aarau und Brugg
•    LOS - Beratung für Arbeitslose

Die meisten Werke wurden nach einiger Zeit verselbständigt oder anderen Trägerschaften übergeben.

Die Auswirkungen des modernen Sozialstaates beeinflussten die Entwicklungen der kirchlichen Sozialarbeit stark. Mit dem neuen Sozialhilfe- und Präventionsgesetz (2001) regelte der Aargau die materielle und die immaterielle Hilfe neu. Die Zuständigkeit für Sozialhilfe liegt nun bei den Gremien von Kanton und Gemeinden.
Die Kirche beschränkt sich einerseits auf den Einsatz für marginalisierte Gruppen oder bei neu entstehenden Problemkreisen, die von den staatlichen Einrichtungen nicht unterstützt werden. Sie nimmt ihre politischen Aufgaben wahr und setzt sich für Menschen in Not ein.

2. Diakonische Handlungsfelder
Diakonie ist Geben und Nehmen. Aus diesem partnerschaftlichen Vorgang entsteht auf beiden Seiten ein Gewinn an Leben. Diakonie wirkt nicht nur dort, wo es die Öffentlichkeit wahrnimmt sondern da, wo es brennt, wo Ausgrenzung, Gewalt und Not gegenwärtig sind. In den folgenden Handlungsfeldern engagiert sich die Reformierte Landeskirche Aargau:

Armut
•    Budgetberatung der Frauenhilfe (finanzielle Unterstützung)
•    Fachstelle für Schuldenfragen (Gründungsmitglied, finanzielle Unterstützung, Vorstandsarbeit)
•    Fonds für Ferienhilfe (Landeskirchliche Stiftung)
•    Diakonie-Rappen (finanzielle Unterstützung, Vertretung im Stiftungsrat)
•    HEKS - Wohnen Aargau (finanzielle Unterstützung)
•    Lernwerk (Vorstandsarbeit)
•    Kollekten in Gottesdiensten (diakonischer Teil des Gottesdienstes)

Ausserdem werden viele Hilfswerke und diakonische Organisationen durch feste jährliche Beiträge im Budget der Landeskirche oder durch einmalige Zahlungen aus dem Fonds für ausserordentliche diakonische Aufgaben oder dem Soforthilfefonds unterstützt.

Fremd sein
•    Einsatz für abgewiesene Asylsuchende im Aargau (politische Intervention)
•    Einsatz für Asylsuchende im Aargau (in ök. Zusammenarbeit)
•    HEKS–Linguadukt, Vermittlung von Dolmetscherdiensten im Gesundheits- und Sozialbereich (finanzielle Unterstützung)
•    HEKS–Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende (finanzielle Unterstützung)

Gewalt
•    Projekt Peacecamp
•    Schulung der Diakonischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
•    Religionsunterrichtsmodule und Ausbildung von Jugendleiterinnen und -leitern
•    Frauenberatungsstelle (finanzieller Beitrag an Ev. Frauenhilfe)

Familien
•    Website www.familieninfo-aargau.ch
•    Eheberatungsstellen (Kirchgemeinden sind Mitglieder in den Trägervereinen)
•    Förderung familiengerechter Kirchgemeinden (z.B. Familienkirche)
•    Familien unterstützende Massnahmen wie Mittagstische, Krippen, Horte... (vielfältige Hilfe der Kirchgemeinden)
•    Erziehungsberatung und Jugendberatung an vielen Stellen (z.B. in Aarau, ök. vom Dekanat Aarau geführt)
•    PH 1-5 (verschiedene Module, die Familien unterstützen)

Gesundheit
•    «Hinschauen statt Wegsehen» – Umgang mit Genuss– und Suchtmitteln im CEVI (Mitarbeit, finanzielle Unterstützung)
•    Regionale Pflegeheime Lindenfeld und Brugg (Kirchgemeinden sind im Trägerverein, finanzielle Unterstützung)
•    Kliniken Hasel und Effingerhort: Suchttherapie (finanzielle Unterstützung)

Alter
•    Über 90 oekumenische Besuchsdienstgruppen im Aargau (Ausbildung, Coaching, Weiterbildung)
•    Seniorenarbeit in den Kirchgemeinden (Weiterbildung und Coaching der Mitarbeitenden)

In diesem Zusammenhang müssen auch die Seelsorgestellen in Kantons- und Regionalspitälern, in Krankenheimen und in Gefängnissen erwähnt werden. Ausserdem gibt es spezielle Seelsorgerinnen und Seelsorger für das Gastgewerbe, für Menschen mit Behinderungen und für gehörlose Menschen.

3. Spezialprojekte
www.familieninfo-aargau.ch:
Im Jahre 2003 überwies die Synode eine Motion zum Thema Familie. In der Folge erarbeitete eine Arbeitsgruppe die Grundlagen für Familienarbeit in der Landeskirche.

Im Rahmen einer Austauschveranstaltung mit Fachleuten aus der Familienarbeit wurden grosse Defizite in der Vernetzung der bestehenden Angebote und die mangelnde Transparenz für die potentiellen Benutzenden festgestellt. Gemeinsam mit den wichtigsten Fachstellen und dem kantonalen Sozialdienst entwickelte die Fachstelle Diakonie (mit HEKS-Diakonie) die Basis für die Familienwebsite. Ab Frühling 2005 konnte die neue Dienstleistung aufgeschaltet werden. Über 400 Anbietende aus dem Familienbereich können über Internet erreicht werden.
Der Kanton Aargau reagierte im Herbst 06 auf unser erfolgreiches Angebot und erarbeitete in der Folge eine eigene, ähnlich gelagerte Familienwebsite. 

Peacecamp
Im Rahmen der OeRK-Dekade gegen die Gewalt lancierte die Reformierte Landeskirche 2005 ein Präventionsprojekt für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Friedensförderung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dieses Projekt wird von der Katholischen Landeskirche und anderen Projektpartnern unterstützt.
Peacecamp ist bei diversen Openair-Konzerten und grossen Festen im Aargau präsent (zuletzt an der Badenfahrt) und betreibt Trainingspoints zu Themen wie Beziehungen, Zufriedenheit, Kommunikation, Umgang mit Frust, Frieden stiften, Tolenranz zwischen den Religionen.

4. Sozialrat der Aargauer Landeskirchen
Der Sozialrat wird getragen von den drei Landeskirchen des Kantons Aargau. Dieses ökumenische Gremium von Fachleuten begleitet, unterstützt und fördert das diakonisch – soziale Engagement der Kirchen und ihrer Hilfswerke. Der Sozialrat setzt sich mit aktuellen sozialpolitischen Themen auseinander und nimmt im Auftrag der Kirchenräte Stellung zu Vernehmlassungen.

Projekte des Sozialrates
1. Sozialpreis der Aargauer Landeskirchen (alle zwei Jahre)
2. Broschüre «Asylsuchende im Aargau»
3. Broschüre «Der Armut auf der Spur»

5. Institutionen + Hilfswerke
Heimgärten Brugg und Aarau:
Die Heimgärten in Aarau und Brugg bieten je 25 Frauen, die auf Grund ihrer psychosozialen Schwierigkeiten oder Behinderungen Betreuung und Begleitung benötigen, ein Zuhause. Beide Häuser werden durch Heimkommissionen geführt, die durch den Kirchenrat gewählt werden. Gegenwärtig laufen Bestrebungen die beiden im Vergleich eher kleinen Institutionen in eine andere, professionelle Organisationsform zu überführen.

Heks Aargau-Solothurn
Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit HEKS AG-SO. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es beiden Partnerinnen vom know-how aller Mitarbeitenden beider Institutionen zu profitieren.
Ök. Zusammenarbeit: Caritas Aargau
Die ökumenische Zusammenarbeit mit der Caritas Aargau funktioniert sehr gut. In den Bereichen «Freiwilligenarbeit», «Besuchsdienst» und «Sozialdiakonie» bestehen feste Arbeitsgruppen.

Ausblick
In der nächsten Legislaturperiode sollte der Stellenwert der Diakonie in den Kirchgemeinden weiter gefördert und professionalisiert werden. Diakonie muss noch mehr zu den Menschen auf der Strasse gehen durch die entsprechende Schulung der Mitarbeitenden und die Fokussierung auf diakonische Problemstellungen in den Kirchgemeinden. Diakonie findet nicht im Büro statt sondern bei den Menschen auf der Strasse, in der Beiz, in der Familie oder auf dem Pausenplatz.
Das Zusammenleben mit Ausländern und Asylbewerbern wird auch in Zukunft ein wichtiges Thema bleiben. Gefragt sind Projekte der interkulturellen Begegnung und Verständigung.

Der Themenkreis «Gewalt und soziales Lernen» wird in der laufenden Legislaturperiode speziell behandelt. Neue Projekte wie ein Gewaltpräventionsprojekt im Bereich des «public viewing» an der Euro 08 und der «Runde Tisch gegen internationalen Frauenhandel» sind bereits initiiert.
Rudolf Wernli, Fachstelle Diakonie


Die Diakonische Kirche
«Die Reformierte Landeskirche Aargau ist eine «diakonische Kirche» wird immer wieder betont. Aber was heisst «diakonische Kirche»? Bedeutet es: Wir sind sozial denkende «Gutmenschen»? Aber Diakonie ist niemals neutral. Sie ist Partei für die Schwächsten, für Ausgegrenzte, für Leidende. Ihre Kraft gewinnt sie im Glauben. Sie ist darum Zeugnis des Evangeliums durch Taten.

Angesichts der Entwicklungen im modernen Sozialstaat, die Rudolf Wernli in seiner Übersicht schildert, stellt sich die Frage: Warum überlässt die Landeskirche Soziales nicht vollständig dem Staat oder den verschiedenen Hilfswerken?
Kirche ist keine Institution, die nebst der Verkündigung auch noch diakonisch tätig ist. Kirche verkündigt durch Wort und Tat. Das eine ist undenkbar ohne das andere. Kirche kann darum diakonisches Handeln nicht delegieren. Es ist gut, dass sich der Staat engagiert. Dadurch wird die Kirche aber nicht von ihrer Pflicht entbunden, sondern sie wird frei für neue Aufgaben.

Nach wie vor ist der konkrete Einsatz für marginalisierte oder ausgegrenzte Gruppen nötig. Gleichzeitig arbeitet die Kirche da mit, wo es um die Erfassung neu entstehender Problemkreise geht, die von den staatlichen Einrichtungen nicht erfasst werden. Das ist oft keine dankbare Arbeit, weil das Handeln der Kirche weniger sichtbar und spürbar ist als früher. Aber Diakonie will nicht darum wirken, weil es die Öffentlichkeit wahrnimmt. Sie ist dort nötig, wo es brennt, wo Ausgrenzung, Gewalt und Not gegenwärtig sind.
Claudia Bandixen








Sie können hier den ausführlichen historischen Beitrag «Diakonie im reformierten Aargau des 19. und des 20. Jahrhunderts» von Pfarrer Kurt Walti, ehem. Theologischer Sekretär der Landeskirche, herunterladen. Er hat ihn 2002 im Auftrag der Theologischen Kommission verfasst. (PDF, 15 Seiten A4, 132 Kb