Überregionale Zusammenschlüsse: Ein zukunftsfähiges Netzwerk-Modell für die Reformierte Kirche Aargau

Zwei Blogbeiträge als Ausgangsimpuls, 16 Sitzungen mit rauchenden Köpfen, sechs gemeinsame Mittagessen, viele, viele Gedanken, Diskussionen, Emails und vorläufige Entwürfe führten zu einem neuartigen Konzept, welches kirchliche Strukturen neu denkt und vom Ballast befreit.

Kirchgemeinden stehen vor grossen Herausforderungen: sinkende Mitgliedszahlen, Überalterung, fehlende Freiwillige, Ehrenamtliche, Mitarbeitende und Ordinierte, sinkende Finanzkraft bei gleichbleibend hohen Gebäude- und Verwaltungskosten. Viele Gemeinden reagieren mit Sparmassnahmen nach dem «Giesskannenprinzip» – überall etwas reduzieren. Dies löst die grundlegenden Probleme jedoch nicht. Der Gestaltungsspielraum für kirchliches Leben wird so zunehmend eingeschränkt, Angebote werden gestrichen. Zusammenschlüsse von Einzelgemeinden bringen nur eine vorübergehende Milderung der Probleme.

«Prüft alles und behaltet das Gute.» (1. Thess 5,21; Jahreslosung 2025)

Das bestehende, bisherige Modell basiert auf dem Ortsprinzip: Jede Kirchgemeinde bietet vor Ort alles selbst an. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Generalistinnen für fast alles. Dadurch entstehen Doppelspurigkeiten, Überlastung und wenig Spielraum für Neues.

Im Jahr 2025 fand sich daher eine Arbeitsgruppe aus Vertretungen von acht – grossen, mittleren und kleinen – Kirchgemeinden zusammen, um die Struktur von Kirche neu zu denken. Eine Struktur, die anpassungsfähig, flexibel und zukunftsorientiert ist. Eine Struktur, die Handlungsspielraum für kirchliches Leben schafft und sich mehr am Auftrag der Kirche und den Bedürfnissen der Menschen als an bestehenden «Kirchtürmen» und Gemeindegrenzen orientiert. Denn: Menschen suchen heute Angebote, die zu ihrem Leben passen. Eine Trauerbegleitung. Eine Gruppe für junge Familien. Ein spirituelles Angebot. Das von der Arbeitsgruppe entworfene Modell denkt daher nicht mehr geografisch vom Ort her, sondern thematisch von den Aufgaben und von den Bedürfnissen der Menschen her.

«Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!» (Offenbarung 21,5; Jahreslosung 2026)

Kern des Modells ist eine Netzwerk-Struktur. Die konkrete kirchliche Arbeit geschieht in flexiblen «Fokus-Netzwerken»: Engagierte – Freiwillige und Angestellte – finden sich beim gemeinsamen Thema zusammen. Die Mitarbeit in den verschiedenen Gruppen ermöglicht einen Einsatz nach Gaben, Begabungen und persönlichen Vorlieben. Die «Fokus-Netzwerke» organisieren sich selbst rund um Themen und entwickeln selbstständig und selbstorganisiert Konzepte für ihren Themenbereich, setzen sie um und übernehmen dabei Budgetverantwortung, Rechenschaftspflicht und Vernetzung mit anderen Gruppen. Dabei sind diese «Fokus-Netzwerke» keine starren Abteilungen. Sie können entstehen, sich verändern und auch wieder enden.

Rückenwind erhalten die «Fokus-Netzwerke» durch eine Kirchenpflege, die sich auf die strategische Leitung konzentrieren kann, und eine Geschäftsleitung, die mit professionell besetzten Stabsfunktionen in den Bereichen Finanzen, Personal, Liegenschaften und Kommunikation effizient arbeitet. Ausserdem werden die Netzwerk-Teams in ihrer Selbstorganisation von einem Teammanagement unterstützt, welches auf gute Arbeitsbedingungen für die Gruppen hinwirkt, sowie Coaching, Beratung und Unterstützung bei Problemen anbietet. 

Das Modell verbindet so Stabilität mit Flexibilität: Das professionelle Rückgrat sorgt für Verlässlichkeit, während die Netzwerk-Struktur kreative Freiräume ermöglicht, um schnell auf neue Themen und gesellschaftliche Veränderungen reagieren zu können.

Das Modell bietet mehrere Vorteile: Fachpersonen können enger zusammenarbeiten, Ressourcen werden effizienter genutzt und Angebote können gezielter entwickelt werden. Statt überall alles ein wenig anzubieten, können einzelne Standorte Schwerpunkte setzen und qualitativ starke Angebote – auch für neue Zielgruppen – aufbauen. Gleichzeitig bleibt Kirche lokal präsent: Gottesdienste, Seelsorge, Kasualien, Religionsunterricht und kirchliches Leben finden weiterhin vor Ort statt, koordiniert von Ortsverantwortlichen. Neue Angebote entstehen dort, wo Menschen tatsächlich Bedürfnisse haben.

Voraussetzung für die Umsetzung dieses Modells ist ein grosser Zusammenschluss von mehreren Kirchgemeinden. Diese müssen nicht zwingend benachbart sein. Eine grössere Organisation verbessert zudem die Arbeitsbedingungen, erleichtert Stellvertretungen und eröffnet neue Finanzierungsmöglichkeiten, etwa durch Kooperationen, Fundraising oder eine aktive Nutzung von Liegenschaften.

Das Konzept, welches die Arbeitsgruppe ab Frühsommer 2026 der Öffentlichkeit vorstellt, ist kein fertiges Rezept, sondern eine Einladung, Kirche gemeinsam weiterzuentwickeln. Es beschreibt den Rahmen – die konkrete Ausgestaltung sollen die beteiligten Kirchgemeinden gemeinsam entwickeln. Ziel ist eine Kirche, die nah bei den Menschen bleibt, ihre Kräfte sinnvoll einsetzt und Raum für neue Formen kirchlichen Lebens schafft. Das Wesentliche bleibt. Das Schwerfällige wird leichter.

«Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott!» (Jesaja 41,10; Jahreslosung 2027)

Das vorgeschlagene Modell funktioniert im Rahmen der bestehenden Kirchenordnung. Es braucht keinen langwierigen Gesetzesprozess. Es kann jetzt beginnen. Die Arbeitsgruppe sucht daher Kirchgemeinden, die in den Prozess einsteigen wollen: als Teil der am Zusammenschluss interessierten Kirchgemeinden; mit einem Pilotversuch zu einzelnen Fragestellungen oder als interessierter Beobachter oder kritische Zuschauerin. Einige Bedenken und Sorgen wurden bereits geäussert: 

  • Die Kirche im Dorf geht verloren? Auch wenn zukünftig nicht mehr jedes Dorf eine vollständige Kirchgemeinde hat, kann es in jedem Dorf kirchliches Leben geben: Gottesdienste, Seelsorge und Kasualien finden weiterhin lokal statt – solange der Bedarf danach besteht.
  • Weniger Mitbestimmung? Eine demokratisch gewählte Kirchenpflege entscheidet zukünftig über Strategie und Ressourcen. Das sind gewichtigere Entscheide als die heutige (oft operative) Detailarbeit. Das ist keine Entmachtung. Das ist Ermächtigung!
  • Mehr Bürokratie? Die Netzwerke organisieren sich selbst. Die Verwaltung wird professionalisiert. Ziel sind weniger Sitzungen, die aber wirklich etwas bewegen.
    Fremdbestimmung durch die Landeskirche? Im Gegenteil! Diese Arbeitsgruppe entstand auf Initiative aus Kirchgemeinden. Wer mitmacht, entscheidet selbst, wie weit und wie schnell.
  • Hohen Kosten? Durch eine gemeinsame Kirchenpflege und eine professionelle Geschäftsstelle wird Vieles – Verwaltung, Buchhaltung, Lohnabrechnung, Lizenzkosten – effizienter. Mehr Mittel bleiben für das, was zählt: die Arbeit mit Menschen.

Das «Fürchte dich nicht» der Jahreslosung 2027 ist nicht nur ein Trostwort. Es ist auch ein Aufbruchswort auf den Weg in eine neue Lebendigkeit der Kirche.
 

Mehr erfahren, mitreden und mitmachen

Die Arbeitsgruppe hat mehrere Dokumente (siehe unten) vorbereitet, um das Modell vorzustellen: (1) eine sechsseitige Konzeptbeschreibung inklusive Organigramm; (2) ein «Plädoyer» für überregionale Zusammenschlüsse, die die Vorteile des Modells benennt; (3) eine Power-Point Präsentation mit 27 Folien und detaillierten Erläuterungen.

Interessierte Kirchgemeinden / Kirchenpflegen können mit der Arbeitsgruppe (Sigwin Sprenger) Kontakt aufnehmen, um an den kommenden Sitzungen der Arbeitsgruppe teilzunehmen.

Das Netzwerk-Modell einer überregional zusammengeschlossenen Kirchgemeinde wurde am 7. Mai am Diakonatskapitel vorgestellt und diskutiert. Der Anlass hat gezeigt, dass das Projekt auf grosses Interesse stösst und viele Fragen aufwirft. Weitere Veranstaltungen sind geplant, um das Modell vorzustellen, Fragen zu beantworten und offene Punkte zur weiteren Präzisierung des Modells zu sammeln. Die Projektvorstellung am ersten Termin, am Donnerstag, 20. August, 19-21.30 Uhr, im reformierten Kirchgemeindehaus in Baden, wird aufgezeichnet und auf der Webseite aufgeschaltet, sodass bei den beiden Folgeterminen, am 1. September und 14. Oktober, per Zoom Austausch, Diskussion und Fragen im Zentrum stehen.

Der Ursprung der Arbeitsgruppe lag in zwei Blogbeiträgen – von Lutz Fischer und Stefan Siegrist. Auch das nun entwickelte Modell einer überregionalen Kirchgemeinde mit Netzwerk-Struktur wird nun im Blog diskutiert: Sozialdiakonin Celine Rickenbacher-Slavkovsky war bei der Vorstellung des Netzwerk-Modells beim Diakonatskapitel dabei. In ihrem Blogbeitrag beschreibt sie, was ihr an dem Modell Hoffnung macht, wo sie Risiken sieht und welche Chancen aus Sicht der Sozialdiakonie in diesem Modell liegen. 

Arbeitsgruppeüberregionale Zusammenschlüsse
Basierend auf der Grundlagenarbeit von Stefan Siegrist und Lutz Fischer formierte sich eine Arbeitsgruppe, um das Konzept zu erarbeiten (v.l.): Marcel Hauser, Kurator, Organisationsberater bso, Romi De Ambrosi, Densbüren, Marcel Wittwer, Bergdietikon, Sylvia Stoller, Bremgarten-Mutschellen, Lutz Fischer, Wettingen-Neuenhof, Sigwin Sprenger, Diakonatskapitel, Marc Zöllner, Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann, Landeskirche, sowie (nicht im Bild) Margrit Schärer, Aarau, und Robert Widmer, Klingnau. Punktuell beteiligt waren auch Personen aus den Kirchgemeinden: Baden und Holderbank-Möriken-Wildegg. Foto: Nadja Bischof

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