MM Erlebnisbericht Palliative Care - Reformierte Landeskirche Aargau


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Foto: Aargauer Landeskirchen

Als Orchidea starb – Erlebnisbericht von einer Palliative Care-Begleitung

Medienmitteilung vom Donnerstag, 23. Mai 2019

Wann und woran wir sterben werden, hängt heute immer mehr von bewussten Entscheidungen ab: Was möchte ich noch, wo setze ich Grenzen? Der Vortrag «Palliative Care in der Geriatrie – eine Selbstverständlichkeit?» am 12. Juni in Aarau von Roland Kunz, dem bekannten Facharzt für Geriatrie und Palliativmedizin aus Zürich, weist auf die Möglichkeiten und Grenzen von Palliative Care in der Geriatrie hin. Wie sich so ein Abschied ganz praktisch gestaltet, davon erzählt der folgende Erlebnisbericht einer in Palliative Care ausgebildeten freiwilligen Mitarbeiterin der Aargauer Landeskirchen.


«Leise betrete ich das Zimmer und begrüsse Orchidea (Namen geändert). ‚Heute hat sie einen guten Tag, sie ist sehr ruhig. Gestern war es schwierig‘, berichtet die Betreuungsperson. Für mich ist nun nur noch Orchidea wichtig. Ich frage sie, ob ich mich zu ihr setzen darf, und sie nickt. Mit grossen Augen schaut sie mich an. Fragen beantwortet sie nur mit kurzen Worten, aber eine bestimmte Vertrautheit ist da.

Die eine Hand von Orchidea hängt über die Bettkante. Es ist eine lange, schlanke, junge Hand. Mir wird bewusst, dass Orchidea ein Jahr jünger ist als ich. Aber das ist jetzt nicht wichtig, denn ihr Kreis wird sich bald schliessen. Sie hat ihr Leben gelebt, es war kein Einfaches. Sie hat keine Schmerzen und kuschelt sich in die Decke. Die hängende Hand sucht mein Knie. Ich frage, ob ich ihre Hand halten soll? ‚Jooo’, sagt Orchidea und ihre Hand verschwindet in den meinen. So sind wir ruhig und friedlich beisammen. Sie schläft ein.

Als sie erwacht, schaut sie mich wieder gross an. Orchidea lässt sich von mir Lippenpflege machen, sonst will sie nichts. Nur den grossen Plüschhund möchte sie auf die Brust nehmen. Sie streichelt ihn. Nach einer Weile wird er zu schwer. Wir platzieren ihn rechts neben ihren Kopf. Sie dreht immer wieder den Kopf und schaut ihn an. Dann erscheinen die Spitexfachfrauen und pflegen sie zu zweit.

Später kommt Peter ins Zimmer. Orchidea ist hellwach und sagt mit ihrer kräftigen dunklen Stimme: ‚Hoi Peter!’ Ich gebe den Stuhl frei. Sie singen zusammen s’Guggerzytli. Orchidea dürfte noch einen Musikwunsch äussern, doch sie bleibt stumm. Peter sagt, dann singe ich die letzte Strophe vom Guggerzytli nochmals: ‚Gugu, Gugu’ ruft Orchidea immer wieder ganz laut. Wir wiederholen den Refrain mehrmals, es ist ein magischer Moment.

Peter verabschiedet sich und Orchidea fällt in sich zusammen. Sie scheint erschöpft, aber glücklich. Sie schaut mich immer wieder an, und ich bestätige, ich bin da. Dann schläft sie ein. Als ich das Fenster schliesse, öffnet sie wieder die Augen. ‚Orchidea, ich lasse dich jetzt schlafen.’ Sie nickt. Sie streckt mir ihre Hand hin und verabschiedet sich von mir. Voller Frieden verlasse ich das Zimmer. In dieser Nacht schläft Orchidea für immer ein.»

Informationsdienst / F. Worbs

Palliative Care-Dienst der Aargauer Landeskirchen
Die Aargauer Landeskirchen begleiten im Rahmen ihres Palliative Care-Dienstes pro Jahr 600 sterbende Menschen zu Hause, im Altersheim oder im Spital. 2018 wurden insgesamt 9603 Stunden durch ausgebildete Freiwillige in der Begleitung geleistet. Dadurch können Sterbende länger oder bis zum Lebensende zu Hause bleiben, und ihre Angehörigen werden entlastet.

Weitere Informationen auf www.palliative-begleitung.ch und:
Palliative Care-Begleitdienst: 062 838 06 56 
Pfrn. Dr. theol. Karin Tschanz, 076 324 82 99, karin.tschanz@ref-aargau.ch






Aufgeschaltet am 23. Mai 2019
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Veranstaltungshinweis
Palliative Care in der Geriatrie – eine Selbstverständlichkeit?
mit Dr. med. Roland Kunz, Chefarzt der Akutgeriatrie im Waid-Spital, Zürich
Wann und woran wir sterben werden, hängt heute immer mehr von bewussten Entscheidungen ab: Was möchte ich noch, Wo setze ich Grenzen? Der Vortrag weist auf die Möglichkeiten von Palliative Care in der Geriatrie hin und beleuchtet Aspekte wie Lebensqualität, Vorausplanung, Erwartungen und Grenzen im Alter und die besonderen Aspekte demenzkranker Menschen.
Öffentlicher Themenabend der Aargauer Landeskirche in Kooperation mit palliative aargau; mit Dr. med. Roland Kunz, Facharzt für Geriatrie und Palliativmedizin, Chefarzt der universitären Klinik für Akutgeriatrie Waid, Zürich.
Mittwoch, 12. Juni, 19–21 Uhr, Haus der Reformierten, Stritengässli 10, Aarau, Referent: Dr. med. Roland Kunz; freiwilliger Unkostenbeitrag 20.–