Demokratie – Ein fragiles Gut

Bettagsmandat

Veröffentlicht am 16. September 2025

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Aargau

Passend zur aktuellen Weltlage befassten sich die vergangenen Aarauer Demokratie­tage des Zentrums für Demokratie Aarau mit dem Thema Demokratie und Krieg: Kann Demokratie Kriege vermeiden? Wie kann man Demokratie vor Kriegen schüt­zen? Welche Zukunft hat die Neutralität der Schweiz?, um nur einige der Fragen aus den Referaten und Panels zu nennen. 
Gleichzeitig richtete das Aargauer Kunst­haus eine vielbeachtete Ausstellung zum «Modell Neutralität» aus. Die diesjährige, vom Kanton zusammen mit dem Bundes­land Baden-Württemberg ausgerichtete Demokratiekonferenz am 23. und 24. Ok­tober 2025 in Aarau beleuchtet die Ent­wicklungsfähigkeit der Demokratie ange­sichts globaler Herausforderungen, wie der zunehmenden gesellschaftlichen Po­larisierung, dem gesellschaftlichen Wan­del und der weltweit zu beobachtenden Erosion demokratischer Institutionen. Der Kanton Aargau wie auch die Stadt Aar­au positionieren sich damit einmal mehr als «Demokratiekanton» beziehungsweise «Demokratiestadt». Solche Veranstaltun­gen sind wichtig, denn ein kontinuierli­cher gesellschaftlicher Diskurs über De­mokratie ist unerlässlich. Dieser Diskurs ist es, der eine freiheitliche Demokratie be­gründet, neue Impulse setzt und sie so am Leben hält. 

Die Schweiz ist privilegiert. Wir können uns auf demokratische, rechtsstaatliche und damit freiheitliche Prozesse verlassen. Ein funktionierender Staat auf höchs­tem Niveau sowie der Wohlstand in unse­rem Land ermöglichen vielen Menschen die weitgehend freie Gestaltung ihres Le­bens. Wir leben in einer Zeit, in der nicht selten das Individuum anstelle einer Ge­meinschaft im Zentrum steht, in der die Selbstoptimierung als das höchste an­zustrebende Gut gilt und wir lieber den Rückzug ins Private anstreben, als uns für ein Kollektiv zu engagieren oder unsere politischen Rechte auszuüben. Die Gesell­schaft ist fragmentiert in unzählige und wechselnde Interessensgruppen, mitun­ter gehen dabei Sinn und Sinnhaftigkeit verloren. Vieles halten wir für selbstver­ständlich und sind mit Kritik schnell zur Stelle. Als von den Weltkriegen verschon­tes Land sind die Erfahrungen von Ent­behrung, Leiden und Krieg in unserem kollektiven Bewusstsein nicht sehr stark ausgeprägt. Wir können uns kaum vorstel­len, dass es auch in der Schweiz ganz an­ders sein könnte, obwohl wir in und um Europa genügend Beispiele sehen: Men­schenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlich­keit sowie Presse­ und Meinungsfreiheit sind fragil. Das macht sie so kostbar und schützenswert.

In diesen unsicheren Zeiten bietet der heutige Eidgenössische Dank­, Buss-­ und Bettag als offizieller, überkonfessioneller Feiertag eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie Landeskirchen und weitere religiöse Institutionen gemein­sam mit Staat und Politik unsere Werte und Tugenden vergegenwärtigen können: Aufmerksamkeit, Anteilnahme, Respekt, Barmherzigkeit, Zivilcourage, Rücksicht­nahme, Demut, Grosszügigkeit, Zurückste­hen für andere sind Beispiele. Gerade die kirchlichen Institutionen haben hier viel zu bieten und einzubringen. Der Eidge­nössische Dank­, Buss-­ und Bettag ist aber auch eine gute Gelegenheit, um den Wert der Demokratie zu würdigen, wie wir sie in der Schweiz jeden Tag erfahren dürfen, und um uns zu überlegen, was jede und jeder von uns zu einer funktionierenden Demokratie beitragen kann und wie wir sie gemeinsam weiterentwickeln können. 

Die Kriegsreporterin und Autorin Caro­lin Emcke hat einmal gesagt: «Freiheit ist nichts, was man besitzt, sondern et­was, was man tut.» Genauso verhält es sich mit der Demokratie: Demokratie ist nichts, was man besitzt, sondern etwas, was man tut.
verfasst von
Das Bettagsmandat wird jedes Jahr gemeinsam vom Regierungsrat und den Kirchenräten der Reformierten, Römisch-katholischen und Christkatholischen Landeskirche herausgegeben. In diesem Jahr wurde es vom Aargauer Regierungsrat verfasst.