Theologische Tagung: Welcher Gott darf’s denn sein?

Veröffentlicht am 21. September 2026

Mehr als 70 Personen fanden sich am 19. September im Kirchgemeindehaus Lenzburg zusammen, um einen Tag lang über Gott und die Welt zu diskutieren. Unter dem Titel «Welcher Gott darf’s denn sein?» hatte die Theologische Kommission zu einer «Tagung zur Zukunft der Kirche» eingeladen. Auf dem Programm standen ein Vortrag, zwölf Workshops, eine Podiumsdiskussion und zum Abschluss eine gemeinsame Abendmahlsfeier.

«Ein Tag der Gemeinschaft und des theologischen Austauschs» solle es werden, sagte Christian Bieri, Kirchenrat und Mitglied der Theologischen Kommission, zur Begrüssung. Ein kleines Mosaikstück im Prozess der Kirchenreform. Die Fragen, wie Kirchesein in einer veränderten Gesellschaft gelingt, ob die Kirche nur ein Angebot unter vielen ist und ob die Kirche ihr Angebot an die Wünsche der Gesellschaft anpassen sollte, wurden im Thema «Welcher Gott darf’s denn sein?» zusammengefasst.
Den ganzen Tag über nahm das Duo Fricker – zwischen den einzelnen inhaltlichen Schwerpunkten – die grossen Themen humoristisch auf. 
Die Mitglieder der Theologischen Kommission führten durch die Tagung. Dörte Gebhard, Präsidentin der Kommission, moderierte und kündigte die erste Referentin an: Miriam Rose, Professorin für Systematische Theologie / Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

Vortrag von Theologieprofessorin Miriam Rose

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Miriam Rose, Professorin an der Universität Basel, plädierte in ihrem Vortrag für eine "kreative" Kirche. Werner Rolli

Miriam Rose stellte in ihrem Vortrag das Modell einer «kreativen Kirche» vor, in der Vielfalt und Gemeinschaft zusammenfinden. Denn: Vielfalt und Zusammenhalt haben theologisch betrachtet denselben Ursprung im Heiligen Geist: der Heilige Geist schenkt den Menschen verschiedene Gaben und macht sie zur Gemeinschaft. Bei der Taufe wird der Mensch individuell bei seinem Namen gerufen und in die Gemeinschaft eingegliedert. Auch im Pfingstereignis verbinden sich Einheit und Vielfalt.
Die Kirche ringe seit Beginn darum, wie mit dieser Vielfalt umzugehen sei. Kirche könne ein Vorbild für die Gesellschaft sein, wenn sie es schaffe, in Vielfalt Zusammenhalt zu leben. Grundlage für eine vielfältige Kirche seien dabei klare institutionelle Regeln und verlässliche Verantwortungsstrukturen. Mit Beispielen amerikanischer Prozesstheologinnen illustrierte sie ihr Kirchenbild: Christentum sei immer der Prozess des gemeinsamen Herausfindens, was Christsein heisse. Alle Konsense seien nur vorläufig, fragil und leider oft nur oberflächlich. 
«Das tragende Gemeinsame ist nicht ein inhaltlicher Konsens, sondern die Überzeugung, dass der gemeinsame Prozess nötig ist.» Essenziell sei dabei das gegenseitige Vertrauen und die Annahme, dass die Gegenseite ebenso ernsthaft am Glauben interessiert ist. 
Über diesen Denkweg führte sie hin zum Modell einer «kreativen Kirche»: Kreativität beginne nicht beim Produzieren, sondern beim Empfangen, Wahrnehmen und Bewegt-werden, das zum Gestalten anregt. Darin bestehe eine Parallele zum Glauben. Kreativität liege in der Fähigkeit, die Dinge auch anders zu sehen, in Gegenständen neue Möglichkeiten der Verwendung zu entdecken. 
Genau darum gehe es auch bei der Kirchenreform: Zu fragen, was die gegebenen Strukturen an Möglichkeiten bieten und Menschen zur Mitgestaltung, zur Co-Kreativität einzuladen. Wichtig sei dabei, dass die Kirche in einer zunehmend säkulareren Welt überhaupt für die Denkbarkeit Gottes eintrete, interessante Gottesbilder diskutiere, praktische spirituelle Zugänge vermittle und feinfühlig, situationsangemessen und kreativ von Gott spreche. 
In der anschliessenden Diskussion und Fragerunde vertiefte Miriam Rose nochmals einige Punkte: Auch «kirchenferne» Menschen, die sich nicht selbst direkt in Gremien oder Kommissionen am kreativen Prozess beteiligen, könnten einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie etwa in einem Kasualgespräch Aussagen machen, die so irritierend sind, dass sie beim Gegenüber ein Nachdenken auslösen und so Teil des Prozesses werden. 
Auf nochmalige Nachfrage zur Notwendigkeit eines Konsenses, sagte sie: «Gerade wenn wir nicht zu einem Konsens kommen, können wir als gemeinsamen Grundsatz festhalten, dass uns diese Fragen so essenziell wichtig sind, dass es sich lohnt, darum zu ringen. Eine Trennung wäre ein bedauerlicher Weg.»

Präsentation von Miriam Rose (PDF)

12 Workshops zu Gottesbildern

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In den Workshops wurden verschiedene Bibelarbeiten angeboten. Werner Rolli

Mit ihrem Vortrag legte Miriam Rose so ein gutes Fundament für den weiteren Tag: In den insgesamt zwölf Workshops – sechs am Vormittag und sechs am Nachmittag – herrschte durchaus Gemeinschaft in Vielfalt: Man hörte einander zu, ohne darauf zu beharren, selbst Recht zu haben. 
Auch in der Methodik wurde Vielfalt sichtbar: Neben klassischen Bibelarbeiten in der Gruppe oder in Kleingruppen wurden durch Formate wie den «Bibliolog» neue Perspektiven eröffnet, die verschiedene Sichtweisen möglich machten. In einem der Workshops lud ein aufwändiges, extra für die Tagung entworfenes Kartenspiel auf spielerische Weise dazu ein, das eigene Gottesbild zu erkunden, das Gottesbild des Gegenübers kennenzulernen und per Fotoaufnahme vor dem Greenscreen direkt in eine biblische Szene einzutauchen.

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Pfarrer Wolfgang von Ungern-Sternberg gestaltete ein aufwändiges Kartenspiel zu Gottesbildern extra für die theologische Tagung. Werner Rolli

Eine Videobotschaft der designierten Präsidentin

Catherine Berger, designierte Kirchenratspräsidentin, die an der Tagung nicht dabei sein konnte, schickte eine Video-Grussbotschaft, in der sie sagte: Strukturen geben einen Rahmen, aber wesentlich sei, was in diesen Strukturen passiere. Ein Aufbruch in die Regionen sei nötig. Dafür brauche es die Beteiligung aller. Martin Luther habe gesagt, der Heilige Geist mache fröhlich, keck und mutig. In diesem Sinne solle man miteinander die Chance packen, auch wenn wir uns im Reformprozess oft einig sind, dass wir uns nicht einig sind.

Theol Tagung 20260919 Grussbotschaft Catherine Berger
Grussbotschaft der designierten Kirchenratspräsidentin Catherine Berger. Werner Rolli

Podiumsdiskussion

In der zweiten Hälfte des Nachmittags diskutierten – unter der Moderation von Dörte Gebhard – auf dem vielfältig besetzten Podium: Micha Baumgartner, Pfarrer in den Kirchgemeinden Beinwil und Birrwil, David Lentzsch, designierter Geschäftsführer der Aargauer Landeskirche, Evelyne Baumberger, Leiterin des RefLab, und Miriam Rose.
Schon die Frage nach dem Gottesverständnis zeigte die verschiedenen Perspektiven: Micha Baumgartner sagte, dass man im Dorfpfarramt unterschiedlichen Gottesbildern begegne, während David Lentzsch betonte, auch bei der Ausgestaltung von Synodevorlagen spiele das Gottesbild hinein – etwa bei der Entscheidung, wo man Prioritäten setzt und wofür man Geld ausgibt. 
Zur Frage nach dem Missionsbegriff sagte Evelyne Baumberger das persönliche Zeugnis sei wichtig, denn Menschen wollen mit Menschen interagieren. Miriam Rose ergänzte: Ein guter Weg, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, sei auch Kunst oder Musik.
Bei der Frage nach dem Umgang mit «Nicht-Mehr-Mitgliedern» waren die Referierenden einig: Die Kirche müsse von der Vorstellung wegkommen, allen Leuten immer etwas zu sagen zu haben, sondern einfach zuhören, den Menschen vor Ort begegnen und durch die eigene Lebenspraxis zeigen, was Kirche ist.

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Am Nachmittag stand eine Podiumsdiskussion auf dem Programm. Marc Zöllner

Ein Abendmahl als Abschluss

Dörte Gebhard kündigte das Abendmahl mit den Worten an: «Wir feiern Abendmahl als sichtbares Zeichen der Gemeinschaft in Vielfalt. Wir sind nicht einheitlich, aber wir halten zusammen und stärken uns miteinander.» Liturgisch geleitet wurde das Abendmahl von Pfarrerin Regula Blindenbacher und Pfarrerin Dagmar Bujack. In einem sehr grossen Kreis versammelten sich die Teilnehmenden. Das Austeilen des Brotes dauerte – aufgrund der Anzahl der Teilnehmenden und aufgrund des nicht ganz einfachen Abbrechens des Brotes – recht lange: So entstand im Raum eine dichte, besinnliche Stille, die von allen Teilnehmenden gehalten und getragen wurde. Als Teil des einen grossen Kreises mit Blick auf die vielen anderen als Gegenüber assen die Teilnehmenden ihr Brotstück. Durch den Segenskreis als Abschluss, bei dem jeder der benachbarten Person die Hand zum Segen auf die Schulter legte, wurde das Gemeinschaftsgefühl weiter verstärkt, sodass die teilnehmenden um vielfältige Gedanken und Impulse reicher und von der Gemeinschaftserfahrung inspiriert nach Hause gingen.

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Pfarrerin Regula Blindenbacher und Pfarrerin Dagmar Bujack gestalteten die Abendmahlsliturgie zum Abschluss der Tagung. Marc Zöllner
Fotografische Eindrücke der Tagung

Ihre Ansprechpersonen

  • Gebhard Doerte
    • Dörte Gebhard
      • Pfarrerin
      • Dr. theol.
      • Präsidentin Theologische Kommission
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